Die Schwarzwälder Uhrenindustrie im 20. Jahrhundert

Dank günstiger Massenproduktion: “Für jeden Raum die passende Uhr”, Plakat, um 1935

Im 20. Jahrhundert nahm die Zahl der Uhren sprunghaft zu. Uhren waren im privaten und öffentlichen Raum präsent wie nie zuvor. Die zunehmende Taktung des Alltags erforderte, dass man überall die Zeit im Blick haben musste. Äußerlich folgten sie den immer schneller wechselnden Moden, im Inneren hielt neue Technik Einzug.

 

„Für jeden Raum die passende Uhr – vom gelernten Uhrmacher“

Mit diesem Spruch warb ein Plakat um 1935. Doch mit klassischer Uhrmacherei hatte die Arbeit hinter den Fabrikmauern nicht mehr viel zu tun. Dank moderner Massenproduktion sanken die Preise der Uhren stark. In jedem Haushalt fanden sich nun mehrere Uhren. Die Fabriken stellten für jeden Wohnraum passende Modelle her:

Die Küchenuhr, ein Klassiker der Massenfabrikation, Junghans, 1931 (Inv. 2008-042)
  • Für die gute Stube konnte man wählen zwischen traditionellen Wanduhren im edel wirkenden Holzgehäuse, kühlen Uhren aus Glas und Chrom für den sachlichen Stil oder Kordeluhren für die kleinbürgerliche Gemütlichkeit. Diese Wohnraumuhren hatten häufig einen klangvollen Stundenschlag.
  • Küchenuhren ohne Schlagwerk punkteten mit einem abwaschbaren Gehäuse. Formen und Farben folgten der jeweils herrschenden Mode.
  • Fürs Schlafzimmer schließlich gab es Wecker in jeder Form und Größe. Laut rasselnde Ungetüme für starke Schläfer oder leise tickende, sanft weckende zierliche Miniaturwecker.

Der Siegeszug von Kunststoff und Elektrizität

Ab den 1950er Jahren revolutionierte Elektrizität den Uhrenmarkt. Aufziehen musste man viele Uhren nun nicht mehr von Hand. Das besorgte ein batteriebetriebener Motor oder „Klappanker“. Jedoch waren nicht alle diese Versuche erfolgreich, manche Ideen endeten in einer Sackgasse.

Das Kienzle-Drehschwingerwerk, fast vollständig aus Kunststoff (Inv. 2008-082)

Um 1970 setzten sich dank Transistortechnik die „Drehschwingerwerke“ durch. Der Direktantrieb der Unruhe entlastete das Getriebe. Zahnräder konnten nun preisgünstig aus Kunststoff gefertigt werden. Wer an der aufwändigen Metallbearbeitung festhielt, war nicht mehr konkurrenzfähig. Traditionsreiche Firmen wie Mauthe, Blessing und Kaiser machten deshalb schon in den 1970er Jahren Konkurs. Ein umfassender Strukturwandel hat begonnen.

Zeitgleich krempelte die Mikroelektronik die Uhrenherstellung um. Die Schweiz und Japan entwickelten erste, noch sehr teure Quarzarmbanduhren. Preisgünstige Quarzuhrwerke für Wecker, Tisch- und Wanduhren wurden dagegen zuerst im Schwarzwald hergestellt. Bereits um 1980 hatten Quarzuhren alle anderen Werktypen vom Markt verdrängt. Dank vollautomatisierter Herstellung waren die elektronischen Uhren im Kunststoffgehäuse ungleich günstiger. Doch diese Rationalisierungen kosteten nochmals viele Arbeitsplätze in der Uhrenindustrie.

Mehr und mehr wurden auch verschiedene Geräte des täglichen Bedarfs mit einer Uhr kombiniert. Als der letzte Schrei galten die Radiowecker. Kein aufdringliches Gerassel mehr, sondern Musik aus dem Lautsprecher. Auch Firmen der Unterhaltungselektronik drängten nun auf den Uhrenmarkt.

Der Sitzsack unter den Radioweckern, Saba, Villingen, um 1972 (Inv. 2008-088)

Ab den 1990er Jahren waren im Schwarzwald keine weiteren Einsparungen bei der Herstellung mehr möglich. Preislich konnte man mit der Konkurrenz aus Fernost nicht mehr mithalten. Die Schwarzwälder Uhrenfirmen mussten auf andere Produkte umsteigen – oder aufgeben.

 

 

Mit diesem Beitrag endet unsere diesjährige Serie zur Geschichte der Schwarzwalduhren. Alle vorherigen Artikel haben wir hier noch einmal für Sie gesammelt, sodass Sie zum Nachlesen nicht lange suchen müssen:

Schwarzwalduhren – seit 300 Jahren ein Erfolg

Wie die Schwarzwälder Holzuhren bauten

Exportschlager Lackschilduhr

Zeit der Experimente – Gewerbeförderung in Furtwangen

Die Uhrenindustrie entsteht

 

 

4 Kommentare zu „Die Schwarzwälder Uhrenindustrie im 20. Jahrhundert

    1. Die Wanduhr ist ein typischer Zeitzeuge der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – soweit wir wissen, wird sie nicht mehr neu hergestellt. Aber vielleicht haben Sie Glück, wenn Sie im Kunst- und Antiquitätenhandel suchen? Und wer weiß – manchmal werden solche Uhren auch auf Flohmärkten angeboten.

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