Zeit der Experimente – Gewerbeförderung in Furtwangen

Gehäuseentwürfe, von der Furtwanger Uhrmacherschule in Auftrag gegeben

Was “Industrialisierung” bedeutete, erfuhren die Schwarzwälder Handwerker ab den 1840er Jahren.  Preisgünstige und moderne Modelle aus den ersten Uhrenfabriken verdrängten die Holzuhren von vielen Absatzmärkten – mit spürbaren Folgen für die wirtschaftliche Situation im Schwarzwald.  Doch wie wurde darauf reagiert?

Hilfe vom Staat – Die Furtwanger Uhrmacherschule 

Furtwanger Uhrmacherschule, Postkarte, um 1900

1850 wurde Robert Gerwig erster Direktor der neu gegründeten Großherzoglich Badischen Uhrenmacherschule. Für die Krise des Schwarzwaldes war seiner Meinung nach ein Bündel von Ursachen verantwortlich: Neben dem „Zurückbleiben im technischen Betriebe“ und der „Unkenntnis anderwärts eingeführter vollkommnerer Maschinen“ auch ein „Mangel an Geschmack“.

Ihr Ziel sah die Furtwanger Uhrmacherschule in der Stärkung des traditionellen Hausgewerbes. Gerwig ließ mustergültige Uhrwerke entwickeln und bestellte Gehäuseentwürfe bei Künstlern, die kostenfrei verwendet werden durften. Das „Gewerbeblatt für den Schwarzwald“ veröffentlichte praktische Anleitungen und Berichte über technologische Neuerungen.

Musteruhrwerk der Furtwanger Uhrmacherschule, um 1855 (Inv. 2017-015)

Doch die Uhrmacher in ihren kleinen Werkstätten waren kaum von ihren veralteten Produkten abzubringen. Sie bauten weiterhin Holzwerke mit Gewichtsaufzug statt zukunftsweisender Metallwerke mit Federzug.

Auch die Uhrmacherschüler erfüllten die in sie gesetzten Erwartungen nicht. Viele verließen die Schule vorzeitig, da sie bereits mit wenigen Grundkenntnissen als Uhrmacher Arbeit fanden. Und auch der Aufbau einer Taschenuhrproduktion nach Vorbild des Schweizerischen Juras scheiterte. Ende 1863 schloss die Uhrmacherschule ihre Pforten. An ihre Stelle trat die Filiale der Karlsruher Gewerbehalle. Sie beherbergte eine ständige Verkaufsausstellung, dazu eine Bibliothek und eine Mustersammlung.

Neues Äußeres – innen “Alles beim Alten”

Äußerlich imitierten die Schwarzwalduhren zunehmend die industriellen Vorbilder vor allem aus den Vereinigten Staaten: Anstelle der Lackschilduhren traten Gehäuse in Form eines Bilderrahmens, zunächst mit geprägtem Metallblech, ab 1860 oft auch mit einem Hinterglasbild. Dabei wurden religiöse, patriotische oder zeittypische Motive verwendet. So findet man die Darstellung des „Kladderadatsch“, Symbol einer politisch-satirischen Berliner Zeitschrift, oder eine Uhr zur Vermählung des badischen Großherzogs Friedrich I. mit der preußischen Prinzessin Louise 1856. Im Innern der neuen Gehäuse tickte meist noch ein traditionelles Holzuhrwerk.

Rahmenuhr mit “Kladderadatsch”, einer Figur aus dem gleichnamigen Satireblatt, um 1860 (Inv. 05-3878)
Rahmenuhr zur Hochzeit von Großherzog Friedrich I. von Baden mit Prinzessin Louise von Preußen, 1856 (Inv. 05-2016)

1873 erhielt Furtwangen das Stadtrecht. Vier Jahre später wurde die Uhrmacherschule neu eröffnet, dazu auch noch eine Schnitzereischule. Furtwangen entwickelte sich zur „Uhrenstadt“. Die Uhrmacherschule blieb offen für neue Entwicklungen. Schon vor 1900 wurden neben der Uhrmacherei auch „Kleinmechanik“ und Elektrotechnik unterrichtet.

Die Schnitzereischule erhielt mit Friedrich Robert Bichweiler einen engagierten Leiter. Neben „der Veredelung der Geschmacksrichtung in der Uhrengehäusefertigung“ lag ihm auch die schon 1852 gegründete historische Uhrensammlung am Herzen, die Keimzelle des heutigen Deutschen Uhrenmuseums.

 

Unsere Reihe zu den Schwarzwalduhren geht mit diesem Beitrag heute in die vierte Runde! Wenn Sie die früheren Artikel interessieren, finden Sie sie hier:

Schwarzwalduhren – seit 300 Jahren ein Erfolg

Wie die Schwarzwälder Holzuhren bauten

Exportschlager Lackschilduhr

 

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