
Der runde Blechwecker ist sicherlich die wichtigste Schwarzwalduhr aus der Blütezeit der Uhrenindustrie. In den 1880er Jahren tauchten die ersten dieser ikonischen Uhren auf. Das Museum bekam nun von einem Sammler ein aufschlussreiches Pionierstück gespendet.
Ein revolutionäres Gehäuse
Vor einiger Zeit berichtete unser Blog über eine Uhr von Junghans, die bereits das typische Gehäuse der Blechwecker aufweist, allerdings noch keinen Weckmechanismus enthält. Die Hülle der „Stuttgardia“ (siehe Bild unten) besteht aus einem runden Blechring, der in nur einem Arbeitsgang mit einer starken Presse in die gewünschte Form gebracht wurde – eine deutliche Einsparung an Arbeitskraft gegenüber allen anderen früheren Uhrengehäusen!
Tischuhr in typischem Blechweckergehäuse, Junghans, Schramberg, ca. 1881-82, Inv. 2021-019
Uhren mit einem tiefgezogenen Gehäuse konnten ungleich preiswerter angeboten werden als solche, in denen noch viel Handarbeit steckte. Der Uhr sieht man es also schon von außen an, wieso sich die industrielle Massenproduktion innerhalb weniger Jahre flächendeckend durchsetzte.
Anhand des Aufklebers auf der Rückseite konnte die Uhr auf 1882 datiert werden. Sie ist damit die früheste Uhr, die das revolutionäre Gehäuse aufweist, das später für die Blechwecker typisch wurde.
Der Missing Link
Rückseite des Blechweckers mit Amerikanerwerk, Junghans, Schramberg, um 1885, Inv. 2025-016
Auf der diesjährigen Furtwanger Uhrenbörse tauchte nun ein Parallelstück auf. Im Innern des praktisch identischen Blechgehäuses befindet sich ein ähnliches Kurzpendelwerk. Charakteristisch ist der gestürzte Blechanker, der typisch für die frühe amerikanische Bauweise ist. Aber die Neuerwerbung weist neben dem Gehwerk noch einen Weckmechanismus auf. Sie ist damit den späteren Blechweckern noch ähnlicher.
Rückdeckel des Blechweckers, Junghans, um 1885, Inv. 2025-016
Auf der Rückseite trägt die Uhr (siehe oben) das Markenzeichen der Junghans Uhrenfabriken mit fünfzackigem Stern. Es wurde 1882 eingeführt. Die Uhr dürfte deshalb ebenfalls in der ersten Hälfte der 1880er Jahre hergestellt worden sein.
Die Bedienung der Uhr
Anders als spätere Blechwecker wird dieses Modell von vorne eingestellt und aufgezogen. Durch Drehen des längsten Zeigers, der über den Rand des Zifferblatts hinausragt, verändert man die Weckzeit. In die beiden Vierkante bei der IV und bei der X kann ein separater Schlüssel eingesteckt werden, um die Feder für das Geh- und Weckerwerk zu aufzuwinden.
Der Blechwecker von vorne, Junghans, um 1885, Inv. 2025-016
Der Grund für diese Anordnung von vorne: Pendeluhrwerke bleiben stehen, sobald die Uhr gedreht oder gekippt wird. Deshalb musste dieser Wecker entweder fest auf einer geraden Unterlage stehen oder – besser noch – mit einem Haken an die Wand gehängt werden. So war die Uhr gegen stärkere Erschütterungen geschützt.
Vorteile von Weckern mit Unruh
Junghans konstruierte fast zeitgleich zu dem Modell mit Kurzpendel ein Weckerwerk mit einer hin- und her drehenden Unruh, das Uhrengeschichte schreiben sollte. Das Uhrwerk mit der Kaliberbezeichnung W 10 (siehe unten) begleitete den Aufstieg von Junghans zur größten europäischen Uhrenfabrik. Bis in die 1930er Jahre hinein wurde dieses Uhrwerk millionenfach gebaut – und das jedes Jahr.

Der Vorteil von Uhrwerken mit Unruh und Spirale gegenüber denen mit Pendel: Sie funktionieren in jeder Lage. Diese Uhren können auch auf den Kopf gestellt oder flach auf eine Unterlage gelegt werden, ohne dass sie stehen bleiben.
Die Tatsache, dass Uhren mit Unruh flexibel einsetzbar sind, diente als wesentliches Verkaufsargument gerade gegenüber ärmeren Käuferschichten. Für sie war der Wecker häufig die einzige Uhr im Haushalt. Sie konnten den Wecker in der Nacht am Bett verwenden und am Tag in die Wohnstube oder Küche tragen, um auch dort eine weitgehend zuverlässige Zeitanzeige zu haben.
Es verwundert deshalb nicht, dass sich die robusten und in der Handhabung einfachen Blechwecker mit Unruhwerk schnell auf dem Markt durchsetzten – auf Kosten der Wecker mit Pendelwerk. Die Pendeluhren im Blechgehäuse blieben eine kurze, aber industriegeschichtlich aufschlussreiche Episode.
Vielen Dank einem Uhrensammler für die großzügige Spende dieses extrem seltenen Weckers. Bislang sind uns nur zwei Exemplare dieses Modells bekannt geworden.


