Taschenuhrständer waren nützliche Gebrauchsgegenstände. Anfang des 20. Jahrhunderts verschwanden diese Kleinmöbel zur Aufbewahrung von Taschenuhren aus dem Alltag, als diese durch Armbanduhren verdrängt wurden. Anlässlich eines neu erworbenen Armbanduhrständers fragen wir uns: Wieso gibt es so wenig Halterungen für Armbanduhren?
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Ein noch originalverpackter Armbanduhrständer
Das Museum besitzt 67 Uhrenständer für Taschenuhren aus drei Jahrhunderten in allen möglichen Formen und Farben. Eigentlich genug. Doch dann erhielten wir das Angebot, ein modernes Modell speziell für Armbanduhren geschenkt zu bekommen. Überrascht stellten wir fest, dass wir in der Sammlung noch keine eigentlichen Armbanduhrständer hatten. Mit dem Geschenk konnten wir eine Lücke in unserer Sammlung schließen.
Taschenuhrhalter mit Präsentationsanhänger, um 1970, Inv. 2026-006
Die ganz in hellblau gehaltene Uhrenhalterung ist wesentlich schlichter gehalten als ihre Vorgänger aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Als Sockel dient ein rechteckiger Metallkasten mit Batteriefach, das von unten geöffnet werden kann. Auf der Abschrägung an der Vorderkante ist ein gebogener Kunststoffstreifen angeklebt, der als einziges Schmuckelement ein Metallband trägt, wie es während der mutmaßlichen Entstehungszeit um 1970 als Zierstreifen auch an Automobilen oder Kanten von Küchenmöbeln weit verbreitet war.
Befestigt wird die Armbanduhr nicht mehr wie bei den Taschenuhrenständern an einem Haken, sondern einem seitlich offenen Clip, in den das Armband eingehängt wird. Der besondere Clou des Armbanduhrenständers: Mithilfe des seitlichen Schiebeschalters kann eine kleine Glühbirne eingeschaltet werden, wie sie in Taschenlampen verwendet wurde. So kann in der Nacht die Uhrzeit abgelesen werden, auch wenn die Armbanduhr keine Leuchtzeiger und auch keine eigene Beleuchtung aufweist.
Aber wieso eigentlich befand sich bislang in unserer Sammlung noch kein Armbanduhrständer, wo wir doch sonst fast alles besitzen, was mit Zeitmessinstrumenten zu tun hat? Um diese Frage zu beantworten, macht es Sinn, zunächst einmal zu erläutern, welche Funktion Uhrenhalterungen früher im Alltag erfüllten.
Taschenuhrständer
Selbst einfache Taschenuhren waren bis Ende des 19. Jahrhunderts noch relativ teuer und außerdem empfindlich in der Handhabung. Wenn die Uhr einmal auf den Boden fiel, war im besten Fall nur das Glas über dem Zifferblatt defekt, in der Regel jedoch auch einige der winzigen Teile des Uhrwerks. Zwar konnte die Uhr in vielen Fällen repariert werden, aber verständlicherweise versuchten die Besitzer der Uhr diese zusätzlichen Kosten zu vermeiden.
Um die Uhr zum Beispiel beim Kleiderwechsel zu schützen, war es sinnvoll, die Uhr nicht einfach aus der Westentasche zu nehmen und auf den Tisch zu legen, wo sie Gefahr lief, durch eine unachtsame Bewegung ihres Besitzers auf den Boden zu fallen. Da war es schon besser, wenn die Uhr ihren eigenen Platz in der Wohnung hatte, wo sie dann auch die Zeit für die Anwesenden anzeigte.
Vor allem im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde der profane Zweck unter teils überbordenden Gestaltung versteckt. Der Phantasie waren dabei fast keine Grenzen gesetzt. So konnte die Uhr auf einen Miniaturstuhl oder eine reich verzierte Staffelei gestellt werden, sie konnte einer Kleinskulptur eines Hundes an den Haken seines Halsbandes gehängt werden oder einer Schlange in die heraushängende Zunge.
Mehr Taschenuhrenständer finden Sie hier im Blog.
Und Armbanduhrhalterungen?
Als um 1900 Armbanduhren aufkamen, wurden Ständer für diesen neuen Uhrentyp eigentlich nur noch zur Warenpräsentation in Schaufenstern verwendet. Für diesen Zweck waren sie häufig mit dem Markennamen der Uhrenfirma verziert.
Im privaten Bereich gab es eigentliche keine eigentlichen Uhrenständer für Armbanduhren mehr. Selbst wer heute ein teures mechanisches Markenprodukt im Edelmetallgehäuse aus der Schweiz besitzt, verwendet in der Regel keine Uhrenständer, sondern verwahrt die Uhr in der Nacht auf einer Ablage neben dem Bett oder mit anderen Uhren in einem speziellen Uhrenkasten, vielleicht aber auch gleich im Safe.
Nur die Liebhaber von automatischen Uhren, die sich beim Tragen durch die Bewegungen des Arms aufziehen, besitzen gelegentlich sogenannte Uhrenbeweger. Das sind Boxen mit eingebautem Motor, der die darin befestigte Uhr dauernd in Bewegung hält, damit die Uhr nicht stehenbleibt.
Die Originalverpackung des Armbanduhrständers
Ein Schutz der Armbanduhr im Alltag ist heute nicht mehr so wichtig wie in der Ära der Taschenuhren. Denn die Armbanduhr wird ja nicht mehr lose in der Tasche getragen, sondern ist fest am Handgelenk befestigt. Deshalb ist es eher unwahrscheinlich, dass die Armbanduhr versehentlich auf den Boden fällt und dabei beschädigt wird. Hinzukommt: Schon die Armbanduhren der 1930er Jahre waren durch den technischen Fortschritt wie mechanische Stoßsicherungen deutlich robuster in der Handhabung als die Taschenuhren des 19. Jahrhunderts.
Bleibt noch die Frage: Ist denn nicht die integrierte Beleuchtung ein überzeugendes Argument für den Kauf dieses Armbanduhrenständers? Wohl kaum. Zumindest in den Industrieländern war zur Entstehungszeit des Uhrenhalters längst eine flächendeckende Elektrifizierung der Haushalte erreicht. Künstliches Licht in der Nacht war kein Luxus mehr, sondern Nachttischlampen mit Glühbirnen gehörten zum Standard jedes Schlafzimmers.
Kein Wunder also, dass es nur wenige Armbanduhrenständer gibt. Sie werden einfach nicht mehr benötigt. Das zeigt auch unser Exemplar: Offenbar wurde ja auch unser Stück nie benutzt, was an der selbst nach 50 Jahren makellos erhaltenen Verpackung abzulesen ist.





