Objekt des Monats: Heimarbeit von Frauen. Weit mehr als „Kinder, Küche, Kirche“

„Homeoffice“ macht, wer sich’s leisten kann. Doch „Heimarbeit“ war nicht immer privilegiert – schon gar nicht als Nebenerwerb von Hausfrauen. Heute stellen wir ein typisches Beispiel für den Nebenerwerb in den eigenen vier Wänden aus der Mitte des 20. Jahrhunderts vor.

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Vom Hausgewerbe zur Heimarbeit

Arbeiten von zu Hause aus hat im Schwarzwald eine lange Tradition. So fand die Uhrenherstellung im 18. und 19. Jahrhundert weitgehend in kleinen Handwerksbetrieben statt, die in den Wohnhäusern untergebracht waren.

Einer der letzten Holzuhrmacher, der 75jährige Uhrmacher Matthäus Scherer in seiner Schonacher Werkstatt. Postkarte nach Foto von 1926 (Deutsches Uhrenmuseum, Archiv)

Ende des 19. Jahrhunderts wurde diese Form der Uhrenproduktion durch Fabriken verdrängt. Viele ehemalige Inhaber der Werkstätten verdingten sich nun als Arbeiter in der Industrie.

Nicht wenige Kleinbetriebe aber versuchten, ihre Selbstständigkeit zu bewahren, indem sie als Zulieferer Einzelteile für die Fabriken fertigten.

Heimarbeit von Frauen

Während die hausgewerbliche Produktion der Männer weithin bekannt ist, wissen wir fast nichts über die Heimarbeit von Frauen, obwohl sie auch im Schwarzwald sehr verbreitet war und ist.  Frauen, die ja meist bereits einen unbezahlten Full-Time-Job als Managerin des Haushalts sowie als  Erzieherin der Kinder hatten,  trugen mit der schlecht entlohnten Heimarbeit einen nicht unwesentlichen Teil zum Familieneinkommen bei, sei es aus purer Not, sei es, um einen bescheidenen Wohlstand zu ermöglichen.

Nachlass einer Heimarbeiterin der 1950er Jahre, Inv. 2026-003

Bei einer Haushaltsauflösung kamen nun Überreste einer Beschäftigung als Heimarbeiterin während der 1950er Jahre zum Vorschein, die das Museum für seine Sammlung übernehmen konnte. Wir sind den Nachkommen sehr dankbar, dass sie uns auch den Lebenslauf der inzwischen verstorbenen Verwandten mitgeteilt haben. Deshalb sind wir nun in der Lage, anhand einer individuellen Biographie ein typisches Frauenschicksal in der Mitte des 20. Jahrhunderts nachzuzeichnen – zumindest was die Erwerbstätigkeit als Heimarbeiterin betrifft.

Luise Spiegelhalter, eine Heimarbeiterin in den 1950er Jahren

Luise Spiegelhalter wurde am 4. Oktober 1930 als Luise Wehrle in Obersimonswald geboren. Bereits als Kind zog sie nach Gütenbach um, den Nachbarort von Furtwangen. Nach der Volksschule schickten sie ihre Eltern auf die Hauswirtschaftsschule. Diese Schule sollte die weiblichen Jugendlichen auf ihre angeblich vorbestimmte Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereiten.

Anschließend, der ältesten Tochter zufolge um 1948, erhielt sie eine Anstellung im Gütenbacher Werk der Uhrenfabrik Hanhart. Leider weiß die Tochter nicht, was ihre Mutter dort gearbeitet hat. Für ihr weiteres Leben entscheidend war, dass sie in der Fabrik Arnold Spiegelhalter kennen und lieben lernte. Im Oktober 1952 heiratete das Paar.

Von nun an wohnten Arnold und Luise Spiegelhalter im Haus der Schwiegereltern im benachbarten Neukirch, das heute zu Furtwangen gehört. Im Jahr darauf wurde die erste Tochter geboren. Luise Spiegelhalter gab ihre Stellung bei Hanhart auf und begann mit der Heimarbeit.

Luise Spiegelhalter bei der Heimarbeit 1954. Sie etikettierte einen Kosmetikartikel – wohl Wimperntusche.

Ein aufschlussreiches Foto, das Luise Spiegelhalter bei der Heimarbeit zeigt, ist laut rückseitiger Beschriftung 1954 entstanden. Sie beklebte damals Hülsen eines Kosmetikartikels – wohl Wimperntusche – mit Etiketten. Im Vordergrund ist ein Wassernapf  zu sehen, in die viereckige Papierträger mit den Etiketten getunkt wurden, bevor sie aufgeklebt wurden.

Wichtig bei der Heimarbeit: Sie durfte nicht viel Platz beanspruchen, denn sie fand in den meist beengten Wohnverhältnissen der Nachkriegszeit statt. Die Frauen konnten vor allem am Abend ihrer bezahlten Erwerbsarbeit nachgehen, wenn die Kinder versorgt und ins Bett gebracht worden waren. Deshalb musste der Arbeitsplatz schnell aufgebaut und auch wieder abgebaut werden können, denn tagsüber wurde der Platz für die ganze Familie benötigt.

Dass die Situation auf dem Foto am Abend spielt, wird auch auf dem Bild deutlich. Die Vorhänge des offensichtlich kleinen Zimmers sind zugezogen,  (( und die Lampe beleuchtet….?)) so dass die Lampe auf dem Fensterbrett den Arbeitstisch beleuchten musste.

Die Montage von Echappements

Später hat Luise Spiegelhalter dann auch anspruchsvollere Tätigkeiten in Heimarbeit übernommen. In ihrem Nachlass befanden sich Überreste aus der Montage von Echappements in unterschiedlichen Entstehungsstufen. Als Echappement (französisch für: Hemmung) bezeichnet man eine vormontierte Baugruppe für ein Uhr- oder Laufwerk.

Einzelteile für Echappements aus dem Nachlass von Luise Spiegelhalter

Diese Baugruppen wurden eher selten in Uhrwerke eingebaut, sondern meist in andere Laufwerke wie zum Beispiel Stromzähler. Echappements wurden in der Regel besonders präzise gefertigt und mussten dabei gleichzeitig recht robust sein. Denn die Stromzähler sollten über lange Zeit kontinuierlich und exakt den Verbrauch messen.

Aufgrund der gehobenen Anforderungen verwundert es nicht, dass wir im Nachlass zwei Qualitätsstufen von Echappements identifizieren konnten, eine Version ohne Lagersteine sowie eine weitere Variante mit Edelsteinen als Lager, die dadurch noch genauer und langlebiger sein konnte.

Wir fragten uns, von wem Luise Spiegelhalter den Auftrag zur Montage von Echappements erhalten haben könnte. Im Nachlass fanden wir dazu einen Zettel, auf dem handschriftlich eine Typenbezeichnung samt Beschreibung für ein Echappement vermerkt ist. Außerdem ist dort die Adresse von Ernst Wössner in Schwenningen enthalten, der in den Jahrgängen des Deutschen Uhrmacher-Adressbuches von 1949, 1959 und 1964 als Lieferant von Echappements genannt wird.

 Zettel mit einem Lieferanten für Echappements

Aber reicht dieser Zettel aus, um zu behaupten, Luise Spiegelhalter hätte für diese Schwenninger Firma diese Baugruppe montiert? Wenn man die Rubrik der Lieferanten für Echappements in den Branchen-Adressbüchern von 1959 und 1964 aufmerksam liest, wird man feststellen, dass dort neben Wössner zwei bzw. drei weitere Unternehmen gelistet sind, darunter ein Furtwanger Unternehmen, die in der Triberger Straße ansässige Firma von Oskar Herr.

Luise Spiegelhalter wird wohl eher für den Furtwanger als für den Schwenninger Betrieb tätig gewesen sein. Denn die Einzelteile für die Heimarbeit wurden traditionell von Frauen beim Auftraggeber abgeholt und die kompletten Baugruppen anschließend wieder persönlich dorthin zurückgebracht. Zumindest berichtet das die im Nachbarort Gütenbach in den 1950er Jahren als Heimarbeiterin tätige Esther Strube in ihrer autobiographischen Erzählung „Was kost‘ die Welt“.

Die fertigen Echappements wurden beim Auftraggeber auf ihre Funktion geprüft. Bei Abweichungen von der Norm wurden sie zur Nacharbeit zurückgegeben. So ist nicht erstaunlich, dass wir im Nachlass einen Kasten mit fertigen Echappements fanden, der einen Zettel mit der Aufschrift enthielt: „Reparatur. Geht meistens zu langsam. Trenkle“.

Schachtel mit Echappements und der Bemerkung: „Reparatur. Geht meistens zu langsam. Trenkle“

Inwieweit die Vorrichtungen und das Messgerät, die auf dem oben gezeigten Bild des Nachlasses zu sehen sind, ebenfalls zur Montage und der Nacharbeit der Echappements dienten, konnten wir bislang nicht ermitteln.

Sehr wahrscheinlich jedoch ist, dass der Nachlass die Reste der letzten Heimarbeit von Luise Spiegelhalter enthält. Sie gab die Tätigkeit auf, als die Familie 1959 ein eigenes Haus in einem Furtwanger Neubaugebiet bezog. Inzwischen hatte sie drei eigene Töchter zu versorgen, so dass keine Zeit für einen Nebenerwerb blieb.

2025 ist Luise Spiegelhalter in Furtwangen gestorben.

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