
Warum das Deutsche Uhrenmuseum schon 287 einfache Stiftankertaschenuhren besitzt und weiter sucht und auch findet.
Ein kleiner Einblick in die Sammlungsarbeit.
Was ist eine Stiftankertaschenuhr?
Stiftankertaschenuhren wurden seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in großen Stückzahlen in Uhrenfabriken, hauptsächlich für den Export, hergestellt. Wichtig dabei war ein günstiger Preis, der durch die fertigungsoptimierte Konstruktion, Materialeinsparung und Großserienfertigung erreicht wurde.
Ihren Namen bekommt die Stiftankertaschenuhr vom in der Hemmung verwendeten Anker, der nicht wie in den meisten Uhren mit Rubin oder Stahlpaletten bestück ist, sondern mit einfach herzustellenden runden Stahlstiften.

Die Sammlung im Deutschen Uhrenmuseum
Für den Alltag der Menschen spielten die günstigen in Massen hergestellten Zeitmesser eine viel größere Rolle als die noblen Uhren mit Gold- oder Silbergehäuse. Deshalb ist es wichtig diesen bedeutenden Beitrag zur Uhrengeschichte zu dokumentieren.
Seit 2004 wird im Deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen aktiv daran gearbeitet, eine vollständige Sammlung aller deutschen Taschenuhrwerke mit Stiftankerhemmung anzulegen.
Glücklicherweise wurden schon vor sehr langer Zeit einige dieser Stücke, wie die erste Taschenuhr der Firma Schatz aus Triberg oder der Union Clock Company aus Furtwangen, in die Sammlung aufgenommen. Diese sind heute nicht mehr beschaffbar und auch an keinem anderen Ort nachgewiesen.
Ab etwa 2012 wurde die Suche intensiviert und zigtausend von „verdächtigen“ Uhren, vor allem auf Onlineportalen, in Sammlungen, Uhrmachernachlässen oder Flohmärkten angeschaut, zugeordnet, teilweise gekauft, auseinandergebaut und dokumentiert.
Oft gab es dabei Überraschungen, denn Hersteller oder Varianten werden oft erst sichtbar, wenn das Uhrwerk ausgebaut und das Zifferblatt abgenommen ist.
Parallel dazu wurden alle verfügbaren Unterlagen (Werksucher, Fachzeitungen, Fachliteratur) durchkämmt und ein System zum Vergleichen und Identifizieren der meist unsignierten Uhrwerke erstellt.
Großer Dank gilt hier Prof. Eduard Saluz, der die Arbeit, diesen „Flohzirkus“ zu bändigen und ordnen, übernommen hat. 2019 veröffentlichte er diese Erkenntnisse im Buch Stiftankertaschenuhren aus Deutschland.
Neuerwerbungen seit 2019
Trotz der intensiven Sammeltätigkeit und Erforschung der Stiftankertaschenuhren im Deutschen Uhrenmuseum blieben einige Fragen zur Geschichte der Uhren offen. Mit den Erkenntnissen aus dem Handbuch bewaffnet, ging deshalb die Suche nach neuen Stiftankertaschenuhren weiter.
Jetzt, 6 Jahre später, gibt es einige Jagderfolge zu vermelden.
Zwei bislang völlig unbekannte Werktypen wurden entdeckt und angekauft. Es handelt sich dabei um neue Uhrwerke der Firmen Kienzle (wahrscheinlich) und Müller-Schlenker (Emes).
Das im Buch bisher unter der Handelsmarke „Radium Special E.H.“ geführte Werk (2005-013) konnte dank eines neu aufgefunden Werks (2024-064) als Werk der Taschenuhrfabrik Alois Morat in Neustadt (Baden) identifiziert und eingeordnet werden. (Durch Vergleich mit dem schon identifizierten 2009-117)
Einige Werke waren 2019 nur als Abbildungen bekannt gewesen. Vier davon konnten nun in „echt“ ausfindig gemacht werden.
Außerdem konnten zwei Werke, die im Buch als Leihgaben abgebildet waren, in den vergangenen Jahren für das Museum erworben werden.
Durch unsere fortgesetzte Sammeltätigkeit sind die weißen Flecken auf der Landkarte der Stiftankertaschenuhren kleiner und die Fragezeichen weniger geworden.
Auszug aus dem Werksucher
Somit ist es jetzt in fast allen Fällen möglich, eine Stiftankertaschenuhr eindeutig ihrem Hersteller zuzuordnen und diese Zuordnung auch wissenschaftlich zu belegen.
Und die Zukunft?
Natürlich geht unsere Sammeltätigkeit auch in den nächsten Jahren weiter, wir sind gespannt, welche Werke wir noch entdecken.Sollten Sie Uhren, einzelne Werke oder auch Hinweise haben, die noch nicht verzeichnet sind, freuen wir uns auf Ihre Nachricht, auch wenn wir nicht alle Untervarianten in die Sammlung aufnehmen werden können, denn die Uhrwerke wurden während der Produktion laufend optimiert.
In diesem Jahr werden wir die Chance nutzen, in einem Pilotprojekt von Museen in Baden-Württemberg mithilfe von Künstlicher Intelligenz neue Zugänge zu unserer Sammlung von Stiftankertaschenuhren auszutesten. Denkbar wäre, dass man in Zukunft anhand eines Werkfotos schnell feststellen kann, um welchen Hersteller es sich handelt. Bis dahin bleibt den Interessierten unser Buch „Stiftanker-Taschenuhren aus Deutschland“ bzw. die für die Zukunft geplante Neuauflage mit allen neuen Uhren und Bildern.
Ein Beitrag von Uhrmachermeister Matthias Beck, Deutsches Uhrenmuseum, Furtwangen
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