Die Generation der Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs stirbt aus. Wir brauchen nun andere Formen der Erinnerung, damit die Gräuel des Krieges nicht in Vergessenheit geraten. Das Deutsche Uhrenmuseum sammelt deshalb Uhren, die mit typischen Schicksalen dieser Zeit verknüpft sind.
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Es gibt sie in vielen Haushalten: Taschen- und Armbanduhren als Erinnerung an verstorbene Familienmitglieder. Doch nach einigen Generationen wissen Nachkommen häufig nicht mehr, wem die Uhren gehört haben. Hat man diese Stücke früher aus Pietät aufbewahrt, so möchte sich heute kaum noch jemand damit belasten.
Dem Museum werden in den vergangenen Jahren verstärkt Uhren aus Familienbesitz samt Fotos und Dokumenten der früheren Besitzer angeboten, weil sich die nächsten Generationen nicht mehr sonderlich für diese Erbstücke interessieren. So erhielten wir neulich die Armbanduhr von Rudolf Kalmbacher, der 1944 mit 19 Jahren als junger Soldat im Zweiten Weltkrieg gefallen ist. Die Schenkerin wünscht sich, dass durch die Übergabe der Uhr ans Museum die Kette der Erinnerung an ihren Onkel nicht abbricht.
Eine ganz normale Armbanduhr
Die vergoldete Armbanduhr war nicht besonders teuer und präzise, aber wie die meisten Produkte der Kienzle Uhrenfabrik in (Villingen-)Schwenningen recht solide gebaut. Der 14jährige Rudolf Kalmbacher kaufte sie 1939 vom ersten selbstverdienten Geld als Auszubildender.
Diese Informationen hätten nicht ausgereicht, um die Uhr in die Sammlung aufzunehmen. Zusammen mit einigen Dokumenten, die einen Einblick in das Schicksal ihres Besitzers geben, ist sie jedoch ein aufschlussreiches Zeitzeugnis. Da spielt dann auch der stark abgenutzte Zustand des Gehäuses und der fehlende Sekundenzeiger keine wesentliche Rolle.
Rudolf Kalmbacher im Alter von ca. 12 bis 14 Jahren, als er die Armbanduhr kaufte
Im Zweiten Weltkrieg
Mit 18 Jahren wurde Kalmbacher zum Kriegsdienst eingezogen. Am 28. November 1943 berichtete er in einem Brief aus Frankreich den Eltern über seinen ersten Freigang. Dabei hat er den gesamten Sold für Dinge des täglichen Bedarfs ausgegeben:
„Ich werde noch ein Päckchen absenden. Es befindet sich darin 1 Paar Strümpfe, 1 Paar Handschuhe für Meta zu Weihnachten, 4 Tafeln Schokolade, 1 Schächtelchen Gütermann Nähseide. […] Hoffentlich kommt alles gut an. Handtaschen kleineren Formats für ins Theater habe ich noch keine gesehen. Damenunterwäsche geht größtenteils auf Punkte. Sobald ich wieder Geld habe, werde ich weiter einkaufen gehen.“
Rudolf Kalmbacher, Brief an die Eltern aus Frankreich, 28. November 1943
Auch wenn der Brief – wie die meisten anderen persönlichen Nachrichten aus dem Krieg – nichts über die Kämpfe berichtet, so gibt er doch einen guten Einblick in den Alltag im besetzten Teil Frankreichs. Der breite Raum, den die Einkäufe von Dingen des täglichen Bedarfs einnehmen, ist ein Zeichen dafür, wie sich die Versorgungslage im vierten Kriegsjahr auch in Deutschland verschlechtert hatte. Indem deutsche Soldaten in die Läden vor Ort gingen, verschärften sie die prekäre Versorgungslage in weiten Teilen Frankreichs noch, das unter den harten Zwangsabgaben an Deutschland stark zu leiden hatte.
Rudolf Kalmbacher, rückseitig bezeichnet: „Frankreich – Weihnachten 1943“
Tod mit 19 Jahren
Ein dreiviertel Jahr nach dem Brief aus Frankreich wird die Ortsgruppe der NSDAP in Freiburg-Brühl darüber informiert, dass Rudolf Kalmbacher am 28. August 1944 in den Ostkarpaten gefallen ist. Der kurze Hinweis enthält auch die Heimatadresse, so dass Vertreter der Partei den Eltern die Nachricht vom Tod ihres Sohnes persönlich mitteilen konnten.
Kurznachricht an die Ortsgruppe der NSDAP Freiburg-Brühl über den Tod von Rudolf Kalmbacher
In einem offiziellen Kondolenzschreiben an die Eltern, das als Abschrift vorliegt, berichtet der Kompaniechef darüber, wie Kalmbacher zu Tode kam:
„Die Kompanie hatte eine wichtige Passhöhe besetzt, die die Bolschewisten am 28.8. mehrere Male ergebnislos angriffen. Durch einen Artillerie-Treffer wurde Ihr Sohn bei diesem Angriff so schwer an Kopf und Brust verwundet, dass der Tod sofort eintrat.“
Für den heutigen Leser sind vor allem jene Phrasen schwer erträglich, die den Tod als Dienst am nationalsozialistischen Deutschland zu rechtfertigen versuchen:
„So wie für uns, ist es für Sie ein besonders schwerer Schicksalsschlag, wobei uns nur das eine zum Trost gereichen kann, dass Ihr verewigter Sohn als einer der besten Kämpfer sein Leben für unsere deutsche Heimat und Zukunft geopfert hat.“
Kondolenzschreiben des Kompagniechefs, 12. September 1944
Angesichts der Verbrechen, die im Zweiten Weltkrieg im Namen Deutschlands begangen wurden, muss es heute eigentlich jedem klar sein, dass dieser Tod eines jungen Menschen vollkommen sinnlos war. Im Nationalsozialismus gab es keine „deutsche Zukunft“, für die es wert gewesen wäre zu kämpfen oder gar zu sterben. Jeder gefallene Soldat wurde von der Kriegsführung als Argument genutzt, um den Kampf weiterzuführen, der zu millionenfachem Tod und Leid geführt hat. Aus heutiger Sicht ist das Schicksal von Rudolf Kalmbacher eine Mahnung, dass sich der Nationalsozialismus nicht wiederholen darf.
Die gedruckte Traueranzeige der Familie spricht eine andere Sprache als das offizielle Schreiben. Zwar wird auch hier der „Heldentod“ erwähnt, um der Form genüge zu tun, doch überwiegt der Schmerz der Hinterbliebenen: „Er war der Sonnenschein unserer Familie. Wer ihn kannte, weiß, was wir verloren haben.“





