1945: Die Uhren werden um zwei Stunden vorgestellt

 

Haben Sie schon einmal von der Hochsommerzeit gehört? Dabei wird die Uhr um zwei Stunden vorgestellt. Nun konnte das Deutsche Uhrenmuseum ein Plakat erwerben, auf dem die amerikanische Militärregierung in Deutschland die Einführung der Hochsommerzeit für den 2. April 1945 ankündigte. Aus diesem Anlass berichten wir heute über das Zeitchaos am Ende des Zweiten Weltkriegs.

1945: Zeitchaos in Deutschland

Der Zweite Weltkrieg endete in Europa am 8. Mai 1945 mit der deutschen Kapitulation. Zunächst bestimmten die Siegermächte Frankreich, Großbritannien, Russland und die Vereinigten Staaten in ihren jeweiligen Einflussgebieten die Politik in Deutschland. Darunter fiel auch die Entscheidung, welche Zeit gelten sollte. So entstand in den Wochen vor und nach der Kapitulation ein regelrechtes Zeitchaos. Dieses Wirrwarr beschrieb Victor Klemperer, ein Romanist deutsch-jüdischer Herkunft, in seinem berühmt gewordenen Tagebuch anhand der unterschiedlichen Zeitangaben im Radio:

„Bei jeder Sendung, dutzendemale täglich, gibt Radio Berlin die Zeit an, und das ist ein Segen. Aber wenn Berlin 20 h. sagt, ist es bei uns 19 h. und in Bremen 21 h.: die Russen haben in Berlin Moskauer, in Dresden Sommerzeit, die Engländer in ihrem Rayon mitteleuropäische.“ (Victor Klemperer: So sitze ich denn zwischen allen Stühlen, Berlin 1999, Bd. 1, S. 5)

In diese Aufzählung der Zeitunterschiede innerhalb Deutschlands kann man auch den Wandanschlag aufnehmen, den das Deutsche Uhrenmuseum neulich erwerben konnte. Dieses Plakat mit der Inventarnummer 100753 ist etwas größer als DIN A3. Die Militärregierung im amerikanisch besetzten Teil gab auf dem Wandanschlag bekannt, dass auf die geltende Sommerzeit am 2. April 1945 eine weitere Stunde hinzugefügt werden sollte. Damit wurden in dem von der USA besetzten Gebiet die Uhren nicht nur um eine Stunde gegenüber der Mitteleuropäischen Zeit vorgestellt, sondern sogar um zwei.

Diese allgemeine Verwirrung nahm erst ein Ende, als die vier Siegermächte  gemeinsam die oberste Regierungsgewalt in Deutschland übernahmen. Mit der Berliner Deklaration vom 5. Juni 1945 bildeten sie den Alliierten Kontrollrat, der fortan die Geschicke des Landes bestimmte. Der Kontrollrat war es auch, der die Zeit in Deutschland festlegte. Bald galt einheitlich in ganz Deutschland im Winter die Mitteleuropäische Zeit und im Sommer die Mitteleuropäische Sommerzeit.

Vorübergehend fand sogar die Hochsommerzeit 1947 ein kurzes Comeback. Doch nach dem Hungerwinter 1946/1947 hatten die Deutschen von Zumutungen wie einer doppelten Sommerzeit genug. Sie protestierten lautstark. Viele gesellschaftliche Gruppen verwiesen auf Gesundheitsrisiken und unzumutbare Arbeitsumstände. Daraufhin beendete der Alliierte Kontrollrat die doppelte Sommerzeit vorzeitig am 29. Juni und führte die einfache Sommerzeit wieder ein.

Spätestens nach dem Intermezzo der Hochsommerzeit wollten die meisten Deutschen keine Zeitumstellung mehr. Konsequenterweise wurde die Sommerzeit 1949 in den neu gebildeten deutschen Staaten in West und Ost abgeschafft.

1980: Sommerzeit und europäische Einigung

Während der deutschen Teilung war an eine Wiedereinführung der Sommerzeit auch aus politischen Gründen nicht zu denken. Eine einseitige Einführung der Sommerzeit in West oder Ost hätte die deutsche Teilung  verstärkt. In Berlin hätten dann diesseits und jenseits der Mauer zwei unterschiedliche Zeiten gegolten.

Die DDR hatte signalisiert, die Sommerzeit nicht einzuführen. Doch überraschend vollzog die Regierung im Osten Ende 1979 eine Kehrtwende, indem sie eine Zeitumstellung für 1980 ankündigte. Nun konnte auch die Bundesrepublik nachziehen, die sich bereits einige Jahre zuvor mit den anderen europäischen Staaten im der westlichen Einflusssphäre auf eine gemeinsame Zeitordnung geeinigt hatte .

Hintergrund der Wiedereinführung der Sommerzeit in der Bundesrepublik war nicht etwa – wie so häufig fälschlich behauptet – die Energiekrise der frühen 1970er Jahre, sondern die Bemühungen um eine Harmonisierung der Lebensverhältnisse in Europa. Im Zeichen der europäischen Einigung hatte sich die Politik im Westen auf eine gemeinsame grenzenlose Zeit für Zentraleuropa verständigt – und dazu gehörte auch eine einheitliche Regelung der Sommerzeit. Deshalb kehrten Länder wie Deutschland, die keine Zeitumstellung mehr hatten, wieder zur Sommerzeit zurück. Seit 1996 sind in der Europäischen Union und der Schweiz sogar die Anfangs- und Endtermine der Sommerzeiten synchronisiert.

Ein nicht zu unterschätzender Vorteil dieser Regelung: Man braucht sich in Mitteleuropa keine Gedanken darüber machen, wie spät es in den Nachbarländern ist. Denn dort gilt im Winter wie im Sommer die gleiche Zeit wie in Deutschland. Beim Grenzübertritt fällt so das lästige Uhrenumstellen weg.

Ein gravierender Nachteil allerdings: Im Alleingang kann Deutschland die Sommerzeit nicht wieder abschaffen. Das müssten schon alle Mitglieder der Europäischen Union gemeinsam entscheiden. Ansonsten fiele Deutschland international – wenn auch stark abgeschwächt – in ein Zeitchaos zurück, das die Monate rund um die Kapitulation 1945 bestimmt hat.

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