Objekt des Monats: Stoppuhr „Coincidence“

 

Haben Sie schon einmal solch eine Stoppuhr gesehen? Das Zifferblatt: äußerst ungewöhnlich! Was es mit der Uhr auf sich hat, erfahren Sie heute in unserem Blog.

Wer hat die Uhr gebaut?

Leider zeigt die Stoppuhr weder auf dem Zifferblatt noch auf dem Uhrwerk den Namen einer Uhrenfabrik. Aber auf der markanten Federhausbrücke sind zwei Nummern von Patenten eingraviert, die 1922 und 1924 der Uhrenfabrik Jeanneret-Brehm in St. Imier (Schweiz) erteilt wurden. Das frühere Patent wurde in der Schweiz registriert, das spätere in Deutschland.

Beide Patente beziehen sich auf dieselbe Erfindung: einen kleinen Behälter mit Fournituren, der Teil des Uhrwerks ist. Um den Zusatznutzen des integrierten Ersatzteillagers deutlich zu machen, trägt der Deckel auf dem Behälter im Uhrwerk die französische und niederländische Inschrift: „Ci dessous fournitures de rechange. Hieronder Reservedeelen“.

Spezialisten erkennen aber nicht nur an diesem kleinen Behälter, sondern ebenso an der speziell geformten Federhausbrücke, wer die Uhr hergestellt hat. Denn dieser Kloben hat die markante Form eines gespiegelten „J“, des Anfangsbuchstabens von Jeanneret-Brehm, wie er sich bei allen Varianten des Kalibers JB1 findet.

Unter dem Markennamen „Excelsior Park“ war die Uhrenfabrik Jeanneret-Brehm in St. Imier (Schweiz) während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer der bedeutendsten Hersteller von Stoppuhren und Chronographen. Jeanneret-Brehm gehörte auch zu den maßgeblichen Pionieren der automatisierten Sportzeitmessung.

Uhrwerk mit Federhausbrücke in Form eines gespiegelten „J“ für Jeanneret-Brehm, dem Hersteller der Stoppuhr „Excelsior Park“, St. Imier (CH), Mitte 20. Jh., Inv. 2025-007

 

Das Zifferblatt enthüllt die Funktion der Uhr

Auf dem Zifferblatt sind zwei gegenläufige Anzeigen angegeben, die von „0“ an der Spitze des Zifferblatts beginnend im bzw. gegen den Uhrzeigersinn die Anzahl von Minuten von 0 bis 3 bzw. 0 bis 9 angeben. Genutzt wurde die Uhr zu Zeitvergleichen nach dem sogenannten „Koinzidenzprinzip“. Das wird auch auf dem Zifferblatt angegeben: „Coincidence en 30 secondes. Resultat par 24 heures.“

Was bedeutet Koinzidenz?

Unter Koinzidenz versteht man allgemein das Zusammenfallen zweier Ereignisse. Diese Gleichzeitigkeit kann genutzt werden, um eine Uhr auf den genauen Gang einzustellen, damit sie auch korrekt die Zeit halten kann.

Bei dem Prüfverfahren wurden früher zwei Uhren verwendet, eine Referenzuhr und eine, bei der der Gang eingestellt werden sollte. Voraussetzung war, dass die Frequenzen beider Zeitmesser leicht voneinander abwichen. Wenn man zum Beispiel eine Pendeluhr mit 60 Schwingungen pro Minute prüfen wollte, so machte die Referenzuhr in der gleichen Zeit meist 61 Schwingungen.

Stellte der Uhrmacher beide Uhren nebeneinander, so konnte er hören, dass es fast immer eine leichte Phasenverschiebung zwischen dem Ticken der Uhren gab. Nur einmal in der Minute fielen beide „Schläge“ zusammen. Je nachdem, zu welchem Zeitpunkt der Uhrmacher diese Koinzidenz beobachtete, konnte er Rückschlüsse darauf ziehen, ob die zu prüfende Uhr genau ging oder aber vor bzw. nach.

Gangkontrolle mit Zeitwaagen

Das Einstellen von Uhren wurde ab den 1930er Jahren mit „Zeitwaagen“ automatisiert. Einige frühe Geräte verwendeten  Koinzidenztaschenuhren wie diese.

Als Zeitwaagen bezeichnet man elektronische Präzisionsmessinstrumente, die bis in die Nachkriegszeit hinein für die meisten Uhrmacher zu teuer waren. Anfangs wurden sie fast ausschließlich in der Industrie verwendet, meist zur serienmäßigen Kontrolle der Uhrwerke.

Um die neuartigen Messgeräte auch für handwerkliche Uhrmacher erschwinglich werden zu lassen, wurde die Zeitbasis in einigen frühen Zeitwaagen nicht elektronisch erzeugt, sondern von einer mechanischen Stoppuhr.

Die vorliegende Stoppuhr von Excelsior Park diente als solch eine Referenzuhr in der Zeitwaage „Coincidence“ , die auf der Uhrenmesse in Basel 1941 vorgestellt wurde. Sie beruht auf dem Schweizer Patent Nr. 209892 von Jean L’Eplattenier, der diese Geräte in vereinfachter Konstruktion bis in die 1950er Jahre hinein in La-Chaux-de-Fonds (Schweiz) produzierte. (Vgl. Deutsche Uhrmacherzeitung  1941, Nr. 37, S. 267)

Frühes Modell der Zeitwaage „Coincidence“ (Deutsche Uhrmacherzeitung 1941, S. 367)

Die Zeitwaage „Coincidence“

Die Zeitwaage bestand aus einem elektronischen Schaltkreis mit zwei Mikrophonen und einem elektromechanischen Hebel für die Stoppuhr. Das eine Mikrophon nahm den Takt der Stoppuhr auf, das andere das der zu prüfenden Kleinuhr.

Sobald die durch die Aufnahme entstandenen elektrischen Impulse beider Uhren übereinstimmten, schloss eine Steuerröhre den Stromkreis, so dass der den Hebel betätigt wurde. Dabei wurde die Krone gedrückt. Die Stoppuhr blieb stehen. Die Stellung des Zeigers gab an, wie viel die geprüfte Uhr vor- oder nachging.

Auf dem Zifferblatt bezeichnen die Zahlen im Uhrzeigersystem nach rechts das Vorgehen der Uhr in Minuten nach 24 Stunden, die im Gegenuhrzeigersystem das Nachgehen. Durch mehrmaliges Nachjustieren und Prüfen konnte der Gang in kurzer Zeit zuverlässig eingestellt werden.

Einen entscheidenden Nachteil hatte die Zeitwaage „Coincidence“. Sie konnte nur Uhren mit der allerdings sehr gebräuchlichen Frequenz von 18.000 Hz pro Stunde überprüfen. Das entspricht fünf Schwingungen der Unruh pro Sekunde. Wie bei Koinzidenzuhren üblich, war die Stoppuhr auf eine leicht abweichende Frequenz – hier von 17.880 Hz pro Stunde – reguliert worden.

Anzeige für Zeitwaage „Coincidence“ aus der Schweizerischen Uhrmacherzeitung 1950. Von rechts: Elektronik, Stoppuhr, zu prüfende Taschenuhr.

Wer sich noch detaillierter über die Funktion dieser speziellen Zeitwaage informieren will, wird fündig unter diesem Link zum „Uhrforum“:

https://uhrforum.de/threads/coincidence-50-stoppuhr-und-zeitwaage-ca-1950.247526/

Bedeutung für die Sammlung des Museums

Heute sind nur wenige Zeitwaagen mit mechanischer Koinzidenztaschenuhr erhalten geblieben. Leider ist auch im Deutschen Uhrenmuseum kein solches Gerät vorhanden, obwohl wir eine durchaus beachtliche Sammlung von etwa 30 Zeitwaagen haben. Deshalb sind wir froh, nun immerhin eine Koinzidenztaschenuhr zu besitzen.

Wenn Sie sich für die Geschichte der Zeitwaagen interessieren, so empfehlen wir Ihnen die hervorragende und materialreiche Reihe von Beiträgen zum Thema auf dem Blog des verdienstvollen Verlags „Historische Uhrenbücher“:

https://uhrenliteraturshop.de/blog/allgemein/teil-2-5-die-zeitwaage-eine-chronologie-1/ 

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