Ist dies die älteste Schwarzwälder Kuckucksuhr?

 

Ein Kuckuck grüßt aus dem Türchen dieser unscheinbaren Uhr. Das antike Aussehen trügt nicht: Sie ist mindestens 230 Jahre alt und damit die älteste Kuckucksuhr aus dem Schwarzwald. Doch woher wissen wir das so genau?

Kuckucksuhren werden im Schwarzwald seit etwa 1750 hergestellt.

Historische Quellen nennen Namen von Uhrmachern jener Zeit und deren Wohnorte (s. Beitrag Erste Kuckucksuhren). So zum Beispiel Neukirch und Waldau, aber auch Schönwald. Solche Nennungen mit den wenigen noch vorhandenen Uhren zu verbinden, gelingt in der Forschung nur ganz selten. Dies sind Glücksfälle, die für die Zeit vor 1800 nur für eine Handvoll früher Kuckucksuhren möglich sind.

 

 

Kuckucksuhr mit Autogramm
So kam es einer kleinen Sensation gleich, dass die hier vorgestellte Kuckucksuhr signiert ist. Damit kennen wir den Namen des Uhrmachers: Johannes Wildi. Man weiß von ihm, dass er “hölzerne Gugus” nach Neustadt für den internationalen Uhrenhandel lieferte.

Auf Spurensuche zur Datierung
Die zeitliche Einordnung der Uhr mit dem zarten barocken Papierzifferblatt glich einer echten Spurensuche. Dabei wurden die Lebensdaten Wildis und die Bauart der Uhr eingeordnet:

Johannes Wildi verbrachte vermutlich sein ganzes Leben, von 1756 bis 1820, im heutigen Eisenbach, genauer gesagt, zwischen den heutigen Ortsteilen Oberbränd und Höchst. Dass er seine Uhren signierte, setzt voraus, dass er auf eigene Rechnung arbeitete. Da Wildi sich 1782 verheiratete, wäre eine selbständige Tätigkeit ab den 1780er Jahren plausibel. Die Bauart der Uhr und Details des Zifferblatts weisen ebenfalls in dieses Jahrzehnt. Aufgrund dieser Überlegungen lässt sich eine Entstehung der Uhr zwischen 1780 und 1790 annehmen. Damit wäre das Stück die älteste Kuckucksuhr, die namentlich einem Uhrmacher aus dem Schwarzwald zugeordnet werden kann.

Die älteste Kuckucksuhr aus dem Schwarzwald – war sie auch die erste?
Sicher nicht, darüber herrscht Einigkeit. Doch von den ersten Kuckucksuhrenherstellern, die etwa Mitte 18. Jahrhundert tätig waren, konnten bisher keine Uhren sicher identifiziert werden. Immerhin sind einige Namen und Wirkstätten bekannt.
Johannes Wildi arbeitete etwa eine Generation später. Er war also weder der einzige noch der erste Hersteller von Kuckucksuhren.
Schätzungen zufolge wurden allein in seinem Umfeld rund um Eisenbach, während der Zeit von 1750 bis 1800, Tausende Kuckucksuhren hergestellt.

Networking im 18. Jahrhundert
Betrachtet man Eisenbach und die heutigen Ortsteile Höchst und Oberbränd über Archivquellen, so zeigt sich, das hier etliche Uhrmacher arbeiteten. Wenn Wildi vors Haus trat, konnte er den grandiosen Alpenblick genießen, aber auch zu seinen Berufskollegen hinüberblicken.

Eisenbach-Höchst, Uhrmacherhäuser um 1930
Die Fotografik (aus Wilhelm Schneider, Frühe Kuckucksuhren 2008) zeigt anhand einer historischen Postkarte die Anfang 20. Jhd. noch vorhandenen Hofstätten in Eisenbach-Höchst. Sie sind ergänzt um die Namen der (Kuckucks-) Uhrenhersteller, die dort Ende des 18. Jahrhunderts tätig waren. Johannes Wildi lebte mit Ehefrau und Tochter etwa 600m außerhalb des Bildausschnitts.

Über die Nachbarschaft in Sichtweite und verwandtschaftliche Beziehungen war ein gegenseitiger Austausch und Ansporn gegeben. Verkauft wurden die Uhren international, zum Teil von Händlern, die nachweislich ebenfalls Nachbarn waren. Solche Verbindungen erschließen sich in akribischer Archivarbeit. Sie leuchten in einzelnen Nennungen auf, in Kirchenbüchern, Ortsregistern oder den seltenen Geschäftsbüchern. Modern ausgedrückt: Wildi arbeitete in einem Netzwerk von Uhrmachern und Zulieferern. Kein Wunder, dass ganz ähnliche Zifferblätter auch von anderen frühen Herstellern von “Gugus” verwendet wurden. Selbst die bekannteste Kuckucksuhrenfabrik des 19. Jahrhunderts von Johann Baptist Beha in Eisenbach hatte in dieser Nachbarschaft bei Höchst ihren Ursprung.

Bemerkenswerte Gewerbetradition in 1000 m Höhenlage
Tatsächlich hat Eisenbach eine ungebrochene Gewerbetradition, die längst von modernen Industriebetrieben fortgeführt wird. Ein gutes Beispiel dafür ist Johann Morat, dessen 1863 in Höchst gegründete Zahnradfertigung inzwischen als mittelständischer Weltmarktführer IMS Gear weiterlebt. Bei 2000 Einwohnern zählt die Gemeinde heute rund 1300 Einpendler. So ist es kein Wunder, dass das alte Uhrmachergebiet auf dem Höchst heute von Gewerbegebieten flankiert wird.
Heute ist sie auch Mitglied der Deutschen Uhrenstraße.

Gewerbegebiet Rütte II bei Eisenbach-Oberbränd 2021
Blick vom jüngsten Gewerbegebiet Rütte II, oberhalb Eisenbach-Oberbränd

 

Diese älteste Schwarzwälder Kuckucksuhr war folglich
kein Einzelstück. Ihr großer Wert liegt darin, dass sie materiell Zeugnis ablegt für die frühe Uhrmacherei im Schwarzwald und ganz konkret bei Eisenbach. Kurz gesagt: sie ist ein echter Glücksfund, der es bis in unsere Epoche geschafft hat.

Kommentar verfassen