Eine kleine “Himmelmaschine”

Kalender und Uhren sind wie Geschwister. Beide helfen uns, den Überblick über die Zeit zu behalten – sei es über die Stunden und Minuten oder über Wochen, Monate und Jahre. Wenn auf einer Kalenderuhr dann noch astronomische Anzeigen ins Spiel kommen, kann es wie bei dieser Uhr von Christoph Jäckle aus St. Georgen im Schwarzwald schnell unübersichtlich werden.

Christoph Jäckle (1894-1984) war ein leidenschaftlicher Uhrmacher. Er arbeitete seit 1921 als Konstrukteur für die St. Georgener Firma Tobias Baeuerle, doch auch in seiner Freizeit beschäftigte er sich mit dem Bau ausgefallener Uhrwerke. Seine erste große Uhr mit astronomischen Anzeigen baute er von 1926 bis 1930. Später fertigte er weitere aufwändige Einzelstücke oder Kleinserien, z.B. als Hochzeitsgeschenke für seine Kinder. Wir sind sehr froh, dass wir diese ganz besondere Uhr von seiner Tochter Gertrud geschenkt bekamen, die mit dem Uhrenfabrikanten Werner Staiger in St. Georgen verheiratet war.

Sonne, Mond und Sterne

Uhren, die den (scheinbaren) Lauf der Gestirne um die Erde darstellen, gibt es schon seit dem Mittelalter. Mit ihrer Hilfe lassen sich sonst schwer vorstellbare astronomische Phänomene wie der Lauf von Planeten und Monden auf eine anschauliche Größe reduzieren.

Astronomische Kalenderuhr, Christoph Jäckle, St. Georgen, wohl um 1950 (Inv.Nr. 2020-026)

Die Kalenderanzeige im unteren Teil erkennt man auf den ersten Blick. Etwas verwirrender wirken dagegen die vielen Anzeigen im oberen, runden Teil der Uhr, sofern man nicht über astronomische Grundkenntnisse verfügt. Immerhin schnell erkennbar: Das zentrale Zifferblatt mit 12 Stunden zeigt die Mitteleuropäische Zeit, wie wir sie von jeder üblichen Uhr kennen. Auf dem äußeren Ziffernring mit 24 Stunden zeigt die kleine goldene Sonne die mittlere Ortszeit von St. Georgen an, die knapp eine halbe Stunde von der Mitteleuropäischen Zeit abweicht. Zusätzlich verschieben sich am unteren Rand dieses äußersten Ringes zwei Scheiben im Jahresverlauf und markieren Sonnenauf- und Sonnenuntergang.

 

 

Der Tag hat 24 Stunden – oder?

Die Ringe in der Mitte sind ein wenig schwieriger zu entschlüsseln.

Auf einem Ring sind die Tierkreiszeichen zu sehen, auf dem anderen die Mondphasen und eine weitere Skala für 24 Stunden. Auch den Zeiger mit der halb silbernen, halb schwarzen Kugel kann man ohne weiteres als Mondzeiger identifizieren. Damit kann man ablesen, welche Gestalt der Mond hat und wie er im Verhältnis zu den Sternzeichen zu sehen ist. Zu welchen Uhrzeiten der Mond am Himmel steht, dazu dienen zwei bewegliche Scheiben, welche Teile der Uhrzeit abdecken und damit Mondauf- und Monduntergang deutlich machen.

Eine besondere Funktion hat der dünne Drahtring mit den zwei Pfeilen. Er stellt die Bahn der Erde um die Sonne dar. Wenn der Mond diese Laufbahn kreuzt, die Erde also zwischen Mond und Sonne steht, kann es zur Mondfinsternis kommen. Diese Punkte, die sogenannten “Mondknoten” werden auf vielen astronomischen Uhren angezeigt. Bei der Jäckle-Uhr bewegt sich allerdings sogar der Mondzeiger langsam auf seiner Achse nach innen und außen und kann damit tatsächlich den Drahtring “kreuzen”. Damit imitiert er den Stand des Mondes im Vergleich zur scheinbaren Bahn der Sonne.

Damit all dies im richtigen Zusammenspiel und Verhältnis zueinander funktioniert, dürfen die Skalen nicht stillstehen. Sie müssen sich unterschiedlich schnell mitbewegen. Der (Sonnen-)Zeiger für die Uhrzeit muss sich natürlich einmal in 24 Stunden drehen. Der Ring mit den Tierkreiszeichen ist ein wenig schneller und braucht 3 Minuten und 56 Sekunden weniger. Der Mondzeiger dagegen ist etwas langsamer und braucht 50 Minuten und 28 Sekunden länger für eine komplette Umdrehung. Wenn die Uhr läuft, sind also alle Teile zwischen dem äußeren Ring und dem mittleren Zifferblatt langsam in Bewegung, um immer die richtige Position der Himmelsphänomene (über St. Georgen) anzeigen zu können.

Große Leistung eines einzelnen Uhrmachers

Dabei treibt ein klassisches mechanisches Uhrwerk mit einer Stahlfeder diese kleine “Himmelsmaschine” an. Alle 15 Sekunden wird die Feder von einem kleinen Elektromotor aufgezogen. Auf diese Weise verband Christoph Jäckle die klassische Uhrmacherei und den hohen Anspruch, den der Einbau astronomischer Anzeigen mit sich brachte, mit den zeitgenössischen Entwicklungen im Bereich elektrischer Uhrenantriebe. Nicht zuletzt durch das umfangreiche Fachwissen, das dahinter steckt, ist diese Uhr ein Zeugnis für die Hingabe, mit der sich ein Konstrukteur der Umsetzung seiner Idee widmete.

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