Die amerikanische Herausforderung – neu im Museum

Nichts ist von Dauer, auch in unserer „Dauerausstellung“ nicht. Eine neue Vitrine zeigt den Einfluss von Amerika auf die heimische Uhrenherstellung. Lesen Sie hier, wie zwei neu aufgefundene Uhren eine bislang unbekannte Seite der Schwarzwälder Uhrengeschichte beleuchten.

Holzuhren aus dem Schwarzwald – Chancenlos in der neuen Welt

Pillar and Scroll clock, Eli Terry, um 1828, Inv. 2018-062

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es im Schwarzwald viele kleine Uhrenwerkstätten, die einfache Holzuhren herstellten. Diese waren dank technischer Vereinfachungen und Arbeitsteilung so preisgünstig wie keine andere Uhr. Über viele Jahrzehnte dominierten die Schwarzwälder Lackschilduhren den europäischen Markt.

Nicht jedoch in den USA. In der „Neuen Welt“ gab es nämlich ab den 1820er Jahren neuartige, noch billigere Holzuhren. Ein weiterer Vorteil dieser „Shelf Clocks“ war, dass Pendel und Gewichte gut geschützt im flachen Gehäuse waren.

Pillar and Scroll clock, Werk Johann Kaltenbach, Neukirch, um 1830, Inv. 2015-057

Zwar nahmen einige wenige Schwarzwälder Uhrmacher diese Herausforderung an und bauten die amerikanischen Uhren nach – jedoch weitgehend erfolglos. So übersah der Neukircher Uhrmacher Johannes Kaltenbach, was die neuen Uhren in den Vereinigten Staaten erfolgreich machte: Es war nicht die Form, sondern die Herstellungsweise. Die Einzelteile wurden mit Schablonen hergestellt und kontrolliert, so dass die Uhrwerke ohne Nacharbeit zusammengebaut werden konnten.

Uhren aus Messing – dem Schwarzwald um Jahrzehnte voraus

OG-clock mit Messingwerk, Seth Thomas, um 1850, Inv. 73-2478

Wenig später tauchten neuartige Wanduhren aus den USA auch in Europa auf. Ihre Werke hatten gestanzte Platinen aus gewalztem Messingblech. Die einfachen, aber attraktiven Gehäuse konnten beim Verschicken platzsparend gestapelt werden. Diese modernen und gleichzeitig billigen Uhren waren eine bedrohliche Konkurrenz für die erfolgsverwöhnten Schwarzwälder Uhrenhändler.

Schlechte Kopien

Erneut versuchte man im Schwarzwald, diese Uhren zu kopieren. So auch bei der ältesten Schwarzwälder Uhrenfabrik in Lenzkirch. Dort baute man dreist die amerikanischen Uhrwerke in allen Details nach. Doch weil es im Schwarzwald noch kein gewalztes Messingblech gab, mussten die Werkplatinen aufwändig gegossen werden. Dadurch konnte Lenzkirch preislich nicht mit den Uhren aus den USA konkurrieren.

OG-Uhr, Aktiengesellschaft für Uhrenfabrikation, Lenzkirch, 1855-1875?, Inv. 2010-013

Dieses Kapitel der Schwarzwälder Uhrengeschichte war bislang unbekannt. Erst vor wenigen Jahren konnte das Deutsche Uhrenmuseum eine solche Uhr der „Uhrenfabricke Lenzkirch“ erwerben.

Später hat die „Aktiengesellschaft für Uhrenproduktion Lenzkirch“ fast ausschließlich teure und luxuriöse Uhren mit massiven Uhrwerken nach handwerklichem Vorbild gebaut. Diese ließen sich im aufstrebenden Deutschen Kaiserreich auch gut verkaufen. Uhren aus Lenzkirch haben noch heute einen guten Ruf unter Sammlern.

In der wirtschaftlich schwierigen Zeit der 1920er Jahre konnte das Traditionsunternehmen seine hochpreisigen Uhren nicht mehr gut verkaufen. Lenzkirch schrieb rote Zahlen und wurde von Junghans übernommen

Der andere Weg führt längerfristig zum Erfolg

Babywecker, die klassische Form des Blechweckers, Junghans, um 1890

Diese Firma aus Schramberg begann ebenfalls mit Kopien von Uhren aus den USA. Im Gegensatz zu Lenzkirch kopierte man bei Junghans nicht einfach amerikanische Uhren mit traditionellen Mitteln, sondern übernahm auch die amerikanische Art der Fertigung. Da in Deutschland damals die Löhne niedriger waren als in den USA, konnte man die Preisführerschaft zurückerobern.

Neben den Wand- und Tischuhren stellte Junghans ab den 1880er Jahren eigens konstruierte Blechwecker mit einem unschlagbar günstigen Preis-Leistungsverhältnis her. Junghans stieg bis 1900 zur größten Uhrenfabrik Europas auf.

 

Ein Kommentar zu „Die amerikanische Herausforderung – neu im Museum

Kommentar verfassen