Marinechronometer aus Deutschland

Schiffschronometer waren unverzichtbar für die Positionsbestimmung auf See. Nun erhielt das Museum fünf dieser Präzisionsuhren aus deutscher Produktion als großzügige Spende.

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Ein später Beginn

Im 19. Jahrhundert hatte sich Großbritannien zum führenden Hersteller von Schiffsuhren zur Navigation entwickelt. Die meisten dieser Uhren sind auf den ersten Blick erkennbar: In einem würfelförmigen Gehäuse aus Edelhölzern befindet sich ein rundes, gekapseltes Präzisionsuhrwerk mit Chronometerhemmung und Kette und Schnecke. Durch die kardanische Aufhängung ist es gut vor den schaukelnden Bewegungen des Schiffes auf See geschützt. Aber auch in vielen anderen Ländern mit Zugang zum Meer gab es Uhrmacher, die diese ikonischen Uhren bauten.

In Deutschland war der Bau von Chronometern bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein unbedeutend. Das änderte sich, als die aufstrebende Exportindustrie mehr und mehr Handelsschiffe brauchte und sich das Kaiserreich um 1890 in ein Wettrüsten mit den führenden Seemächten stürzte. Diese wachsende propagandistische Bedeutung der Seeschifffahrt zeigt die untenstehende „Deutsche Reichs-Kolonial-Uhr“. Unter dem Motto: „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser“  sind unter dem Zifferblatt Kriegsschiffe und das Transportschiff „Handel“ zu sehen.

Im Zeitalter des Imperialismus und Kolonialismus schien es für die deutsche Marine unter strategischen Gesichtspunkten wichtig, sich aus der Abhängigkeit von ausländischen Chronometermachern zu befreien und eine eigenständige deutsche Produktion aufzubauen.

Die „Deutsche Reichskolonialuhr“ zeigt unten die wachsende propagandistische Bedeutung der Seeschifffahrt im Deutschen Kaiserreich. (Badische Uhrenfabrik, Furtwangen, um 1905)

 

Chronometer aus der Zeit bis 1945

Aus der frühen Phase der deutschen Chronometerherstellung stammt der gespendete Marinechronometer von Theodor Knoblich aus Hamburg mit der Seriennummer 2305. Diese Uhr von einem der renommiertesten deutschen Hersteller von Schiffsuhren ist wohl um 1890 entstanden (Inv. 2026-025).

Aber auch an anderen Küstenorten der deutschen Nord- und Ostseeküste gab es auf Schiffsuhren spezialisierte Uhrmacher. Ein Beispiel dafür ist die Werkstätte von Franz Lidecke, die sich zunächst in Geestemünde und später in Wesermünde befand. Dieser Betrieb ist nun mit einem Marinechronometer von ca. 1919 in der Sammlung vertreten (Inv. 2026-018).

Typisch für dieses Stück von Lidecke wie für andere Chronometer aus Deutschland: Die Chronometermacher haben das Uhrwerk häufig nicht selbst gebaut, sondern in großen Teilen von anderen Herstellern bezogen. So stammt das Rohwerk dieses Chronometers wohl aus dem sächsischen Glashütte, dem damaligen Zentrum des deutschen Präzisionsuhrenbaus. Ob das Uhrwerk bei A. Lange & Söhne entstand oder aber bei Strasser & Rohde bzw. Paul Stübner, ist nicht geklärt. Die Unruh jedenfalls wurde von Richard Grießbach aus Glashütte angefertigt, da sie sein Firmenzeichen RGG im Dreieck trägt.

Diese beiden Präzisionsuhren ergänzen hervorragend den Bestand des Museums an drei Marinechronometern. Schon früher konnten solche Uhren folgender Hersteller erworben werden:

  • Friedrich Dencker, Hamburg
  • Chronometerwerke Hamburg, ca. 1935. Von Löbner in Berlin mit Anschlüssen für elektrische Sekundenimpulse ausgestattet.
  • Paul Stübner, Glashütte (Sachsen)

Durch die Schenkung der beiden Uhren von Theodor Knoblich und Franz Lidecke besitzt das Museum nun eine repräsentative Auswahl, die auch die regionale Verbreitung des Chronometerbaus in Deutschland in Grundzügen spiegelt.

Die Entwicklung in beiden deutschen Staaten

Bislang waren deutsche Chronometer aus der Zeit nach 1945 nicht in der Sammlung vertreten. Doch auch in der Nachkriegszeit war der Bedarf an Schiffsuhren in West und Ost ungebrochen.

In der Bundesrepublik dominierten die Chronometerwerke Wempe aus Hamburg den Markt. An dem neu erworbenen Chronometer von 1968 (Inv. 2026-022) ist ein Bauteil erwähnenswert, das sich deutlich von den Vorgängern absetzt. Bei dem Ausgleichsmechanismus für die Schwankungen der Federspannung wurde statt der Kette ein Stahlband verwendet.

Das tragische Schicksal des Chronometers

Die Navigationsuhr von Wempe ist für uns besonders wertvoll, weil ihre Geschichte lückenlos bekannt ist.

Wie jeder Seechronometer wurde auch dieser vor dem Verkauf von der zuständigen amtlichen Stelle kritisch unter die Lupe genommen. In einem Prüfzeugnis bestätigte das Deutschen Hydrographische Institut in Hamburg am 11. November 1968, dass die Uhr die strengen Anforderungen an Navigationsuhren erfüllt.


Prüfzeugnis der Zertifizierungsstelle für Chronometer vom 11. November 1968

Brief von Wempe verkaufte die Uhr am 15. November 1968 an die Hitzler-Werft in Lauenburg (Elbe). Der Chronometer gehörte zur Ausstattung des neu gebauten Motortankers „Osterbek“. Die Werft übergab das Schiff mit 65 m Länge und 999 Bruttoregistertonnen am 21. November 1968 an die Reederei Knöhr & Burchard in Hamburg.

1987 übernahm die griechische Reederei Petromarine Shipping Co. in Piräus das Schiff und benannte ihn in „Agios Nicolaos“ um. Zwei Jahre später ereignete sich bei Aspropyrgos bei Piräus beim Entladen von Benzin im Maschinenraum bei eine Explosion. Nachdem das Feuer nicht gelöscht werden konnte, wurde dass das Schiff am 6. Juli 1989 in tiefes Wasser geschleppt. Nach einer weiteren Explosion sank der Tanker am 9. Juli 1989.

Der Chronometer konnte gerettet werden. Ein Jahr nach der Brandkatastrophe war er wieder auf dem Markt. Der Vorbesitzer kaufte die Uhr am 28. Oktober 1990 bei Franz Sternberg in Hamburg. Sternberg war der letzte Inhaber der traditionsreichen Firma Theodor Knoblich.

Marinechronometer aus der DDR

In der DDR lebte die Tradition des Chronometerbaus in Glashütte (Sachsen) fort. Ein Marinechronometer der Glashütter Uhrenbetriebe aus den 1970er Jahren ist Teil der Spende. Ein Aufkleber auf der Gehäusevorderseite warnt: „Präzisionsinstrument. Vorsicht beim Transport! Keine scharfe Wendung machen! Nicht hart aufsetzen!“ Ein deutlicher Hinweis, dass diese Navigationsuhren sehr empfindlich waren. Denn nur bei korrekter Handhabung konnten sie auf Dauer ihre Genauigkeit bewahren.

Auch diese Uhr hat der Vorbesitzer 1990 beim Chronometerservice von Franz Sternberg in Hamburg gekauft, der die Uhr von Kette auf Zugband umgebaut hatte.

In den 1970er und 1980er Jahren revolutionierten Quarzuhren die Technik der Seechronometer. Anstelle der aufwändigen Präzisionsmechanik trat ein elektronischer Schaltkreis, der über einen Motor die Bewegung der Zeiger am Zifferblatt steuerte. Der gespendete Glashütter Schiffschronometer vom Typ 1.71 verwendet einen Quarz mit der Frequenz von 4,2 MHz, der eine ungleich höhere Genauigkeit als die seiner mechanischen Vorgänger ermöglichte (Inv. 2026-020).

Auch das Schicksal dieser Uhr ist gut dokumentiert, die laut Werkpass 1980 gebaut wurde. 1986 durchlief der Seechronometer eine „große Prüfung“ durch die amtliche Zertifizierungsstelle mit der wunderbaren bürokratischen Bezeichnung „VEB Bagger-, Bugsier- und Bergungsreederei Rostock – Prüfgruppe Nautische Geräte-„. Ob diese Uhr jemals auf einem Schiff zum Einsatz kam, ist fraglich. Denn drei Jahre später fiel die innerdeutsche Mauer. 1991, im Jahr nach der deutschen Wiedervereinigung, hat sie der Vorbesitzer beim DDR-Nachfolgebetrieb „Schiffsversorgung Rostock GmbH“ erworben.

 

Diese drei Chronometer aus der Zeit der deutschen Teilung komplettieren unsere Dokumentation der deutschen Produktion dieser Schiffsuhren. Durch die großzügige Spende von insgesamt fünf Navigationsuhren können wir nun die spezifisch deutsche Entwicklung an repräsentativen Stücken vom späten 19. Jahrhundert bis 1989 abdecken. Herzlichen Dank für diese großartige Ergänzung unserer Sammlung!

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