Objekt des Monats: Wer hat die Ziffern und Zeiger für Kuckucksuhren hergestellt?

Jeder, der schon einmal eine zünftige Kuckucksuhr gesehen hat, kennt sie: Die römischen Zahlen auf dem Zifferblatt mit der charakteristischen 4 (IIII) und die reich verzierten Zeiger. Über ihre Hersteller ist wenig bekannt. Nun bekam das Museum den Nachlass von Leopold Kammerer geschenkt, der Zeiger und Ziffern für Schwarzwalduhren um 1900 fertigte.

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Wer war Leopold Kammerer?

Leopold Kammerer wurde am 28. August 1850 als Sohn des Uhrmachers Matthias Kammerer (1809-1857) und seiner Frau Christina, geb. Aberle (1811-1880), in der Kleinstadt St. Georgen im Schwarzwald geboren. Die Familie war reich mit Kindern gesegnet. Eine Liste im Nachlass nennt allein neun Söhne.

Leopold Kammerer, 1882 (Inv. 100755)

Leider wissen wir bislang nichts über seine Kindheit und Jugend. Immerhin haben sich einige Schulhefte erhalten. Bezeichnenderweise hat man die Mitschriften aus dem Rechen- und Zeichenunterricht aufgehoben, denn diese Kenntnisse sollten für seine spätere Tätigkeit als Mechaniker mit eigener Produktion wichtig werden. Auch über seine Ausbildung ist nichts bekannt. Die Vermutung liegt nahe, dass Kammerer in seiner Heimatstadt eine Lehre als Feinmechaniker oder Uhrmacher, wohl bei seinem Vater, absolviert hat.

Die Werkstätte in St. Georgen

Eine Werbeanzeige in der „Deutschen Uhrmacher-Zeitung“ von 1903 gibt 1874 als das Gründungsdatum seines Betriebs an. Was er in seinem Uhrenbestandteilgeschäft mit mechanischer Werkstätte hergestellt hat, berichtet ein Inserat im selben Branchenblatt 1885:

„als Specialität: Uhrmacher-Drehbänke in 2 Grössen, ferner Stanzen jeder Art u. sonst verschiedenes Werkzeug; [Zeiger aus] Beinmasse, Uhrenziffern jeder Sorte, Metallziffern, vergoldet, versilbert & vernickelt, Metallzeiger (forme Renaissance grav.), Regulateur-Pendelfedern, Haken, Kastenriegel u. s. w.“

Ein Foto von 1892 zeigt Kammerer in der Mitte, umgeben von seiner Belegschaft. Bei dem Gebäude handelt es sich möglicherweise um das Wohnhaus mit Werkstätte in der St. Georgener Bahnhofstraße. Im Vordergrund ein Tisch mit zwei eigenen Produkten: eine Drehbank und ein Schraubstock. Die meist jungen Angestellten (Lehrlinge?) haben Werkzeuge in der Hand – ein Hinweis darauf, dass hier nicht mit Maschineneinsatz produziert, sondern noch manuell gearbeitet wurde.

Leopold Kammerer (Mitte) und seine Belegschaft mit einer seiner Drehmaschinen und Schraubstöcke, wohl vor seiner Werkstätte, St. Georgen, 1892 (100758)

Dass Kammerer Uhrmacherdrehbänke gerade in St. Georgen hergestellt hat, verwundert nicht. Denn schließlich entwickelte sich die selbsternannte „Bergstadt“ um 1900 zu einem regionalen Zentrum der Werkzeugindustrie. So hatten die Firmen Gebrüder Heinemann und I. G. Weisser ebenfalls mit Drehbänken speziell für Uhrmacher angefangen.

Aber offensichtlich erreichte die Werkstätte von Leopold Kammerer nie die Größe und Bedeutung der ortsansässigen Fabriken. Das lässt sich an der Zahl der überlieferten Werkzeuge ablesen. Immerhin ist zumindest eine Drehbank von Leopold Kammerer im Museum Schwarzes Tor in St. Georgen erhalten geblieben.

Zeiger für Schwarzwalduhren

Das zweite Standbein der Werkstätte war die Produktion von Bestandteilen für Uhren. Darüber gibt ein Produktblatt in reizvollem Schwarz-Gold-Zweifarbendruck Auskunft. Es zeigt in den oberen zwei Dritteln das breite Angebot an Uhrenzeigern und -ziffern in unterschiedlichen Größen.

Produktblatt mit Ziffern und Zeiger für Schwarzwalduhren, wohl um 1890 (Inv. 100756)

Eine Variante der Ziffern auf dem Werbeblatt zeichnet sich durch schlichte römische Formen aus, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts auf Tisch- und Wanduhren aus den Schwarzwälder Uhrenfabriken zu finden waren. Eine zweite Grundform mit gotisierenden Verzierungen zierte damals die meisten zeitgenössischen Kuckucksuhren mit ihren reich dekorierten Fronten.

Die Ziffern waren in drei Materialien erhältlich, in „echt Bein“, in „Beinmasse“ oder vergoldetem Messing. Die Beinziffern bestanden aus Tierknochen und wurden aufwändig von Hand ausgesägt, während es sich bei Ziffern aus „Beinmasse“ wohl um solche aus einem handelsüblichem Kunststoff handelte. Möglicherweise verwendete Kammerer dafür Zelluloid, aus dem viele Ziffern älterer Kuckucksuhren bestanden.

Auch bei den Zeigern gab es zwei unterschiedliche Muster, sogenannte „Renaissance-Zeiger“ aus Messing sowie „Bein-Zeiger“. Bei den Beinzeigern konnte man unter einer glatten oder gravierten Oberfläche wählen. Die Renaissance-Zeiger aus vergoldetem Messing wurden sogar in drei Ausführungen geliefert: „vergoldet, oxidiert, antik“.

Katalog mit Werkzeugen und Bestandteilen

Neben dem Werbeblatt, das sich auf die wichtigsten Produktsparten beschränkt, befindet sich im Nachlass ein Katalog mit 26 Seiten, der wohl um 1890 entstanden sein dürfte. Er ist einer der ältesten Werkzeug- und Bestandteilekataloge für die Schwarzwälder Uhrenherstellung.

Der Katalog zeigt die Bandbreite an Werkbänken, von der „Universal-Frais-, Dreh- und Bohr-Bank“ für die Massenproduktion von Bestandteilen bis hin zur preiswerten „Drehbank für Dilettanten“, also für Heimwerker. Als Zubehör für die Drehbänke bietet Kammerer Fräser, Bohrer, Bohr- und Klemmfutter an.

Ausschnitte aus dem Produktkatalog von Leopold Ketterer, um 1890 (Inv. 100757)

Darüber hinaus produzierte Kammerer eine große Bandbreite an Handwerkzeugen für das Uhrengewerbe: Reibahlen, Schneidwerkzeuge, Kleinhämmer, Schraubstöcke in verschiedenen Größen und sogar einen Uhrenschildbohrer. Als Kleinteile flistet der Katalog neben Zeigern und Ziffern unter anderem Schlüsselfutter, Zeigervorsteckscheibchen, Kastenriegel oder Pendelfedern auf.

Viele der genannten Kleinwerkzeuge und Kleinteile konnten aber auch im Alltag verwendet werden. Speziell für den Wohnbedarf offerierte Kammerer „Thürzuzieher“ und „Federzüge an Hängelampen“.

Lehrwerkstätte

Wie erfolgreich der Betrieb von Leopold Kammerer war, lässt sich schwer beurteilen. Es ist jedoch anzunehmen, dass sich im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung auch die weitgehend handwerkliche Herstellung von Werkzeugen und Kleinteilen bald nicht mehr lohnte.

Kopie eines Werbebriefes für Kammerers „Lehrwerkstätte“ (Inv. 100755)

Ein Indiz für den möglicherweise schleppenden Gang der Geschäfte ist, dass Kammerer einen Kompagnon aufnahm. Ab wann die Werkstätte „Kammerer & Saacke“ hieß, geht aus den erhalten gebliebenen Dokumenten leider nicht hervor.

Unter dem neuen Namen hatte der Betrieb einen neuen Geschäftszweig eröffnet, wie auf dem oben abgebildeten – leider undatierten – Werbeblatt deutlich wird. Die Firma versuchte sich auch als Lehrwerkstätte, die auf den Besuch von „Baugewerkschule & Technikum“ vorbereitete, also von technischen Fachschulen mit Ingenieurausbildung. Kammerers Meinung nach konnte die übliche Lehrlingsausbildung die benötigte fundierte Vorbereitung auf die Arbeit in den Fabriken nicht leisten, da sie sich weitgehend durch die Mitarbeit der Lehrlinge finanzierte:

„Nicht waren es etwa spekulative Ursachen, sondern vielmehr die Umstände der Zeitverhältnisse & die zahlreichen Nachfragen für Lehrlingsunterbringung als auch die örtlichen Verhältnisse bezl. der Industrie in der Maschinenbranche, welche uns zu diesem Unternehmen veranlassten.
In unserem heutigen modernen Industrieleben, in welchem sich die Geschäfte immer mehr spezialisieren & nach Fabriksystemen betrieben werden, ist es mit der grössten Aufopferung von Seiten des Lehrherrn nicht mehr möglich, einen Lehrjungen mehrseitig auszubilden, selbst da, wo verhältnismässig wenig Lehrlinge thätig sind […].
Spezielle Lehrwerkstätten wie die Unserige, suchen eben solche Mängel zu beseitigen […].“

Ob diese Privatschule die behauptete Lücke in der Ausbildung schließen konnte, lässt sich für uns nicht feststellen. Auffällig ist aber schon, dass auf dem oben gezeigten Foto der Belegschaft von Leopold Kammerer fast nur Jugendliche im Alter von Lehrlingen zu sehen sind.

Tod und Geschäftsübergabe

Am 24. September 1902 starb Leopold Kammerer. 1906 übertrug der Kompagnon Saacke die mechanische Werkstätte an den Mechaniker Ludwig Hölzle. In einem Informationsschreiben über den Verkauf des Unternehmens teilt Hölzle mit, dass er das Unternehmen unter dem Namen „Ludwig Hölzle vorm. Kammerer & Saacke“ weiterführen möchte. Aber offensichtlich wurden die alten Firmennamen noch weiter benutzt. 1907 und 1913 listen die Adressbücher der Uhrenbranche „Kammerer & Saacke“ als Hersteller von Maschinen für Uhrmacher, während „Leopold Kammerer“ als Fabrikationsbetrieb für Uhrenteile aller Art genannt wird. Die Lehrwerkstätte scheint bereits damals nicht mehr existiert zu haben.

Nach 1913 tauchten weder „Kammerer & Saacke“ noch „Leopold Kammerer“ in Fachzeitschriften oder Adressbüchern der Uhrenbranche auf. Wahrscheinlich war der handwerkliche Kleinbetrieb nicht mehr konkurrenzfähig und musste in den Jahren um den Ersten Weltkrieg aufgeben.

Familienüberlieferung

Der Nachlass gibt nicht nur über den beruflichen Werdegang von Leopold Kammerer Auskunft, sondern auch über sein Privatleben. 1882 hatte er Magdalena Wintermantel (1854-1916), die Tochter des Uhrenhändlers Jakob Wintermantel geheiratet, der von 1891 bis 1903 auch Bürgermeister von St. Georgen war. Ein Foto, das die Nachfahren auf 1891 datiert haben, zeigt das Ehepaar Kammerer mit den zwei Töchtern Karoline und Hermine (1886-1960).

 

Das Ehepaar Leopold und Magdalena Kammerer, geb. Wintermantel, mit den beiden Töchtern Karoline und Hermine, 1891 (100755)

Die Tochter Hermine sollte später in die Vereinigten Staaten auswandern. Von dort kommt nun der Nachlass zurück in den Schwarzwald. Noch fühlen sich die älteren Nachfahren der eigenen Tradition verpflichtet, ein Bewusstsein, das jedoch bei der jüngsten Generation verloren zu gehen droht. Deshalb haben sich mehrere Mitglieder der weitverzweigten Familie entschieden, den Nachlass ans Deutsche Uhrenmuseum zu geben, um die eigene Geschichte und die Erinnerung an Leopold Kammerer zu bewahren. Wir möchten uns insbesondere bei Joan Linnert, einer Enkelin von Hermine Kammerer, und Barbara Clay, einer Nachfahrin von Leopold Kammerers Bruder Matthias (1846-1920), ganz herzlich bedanken, dass Sie uns die für die Uhrengeschichte sehr aufschlussreichen Dokumente übergeben haben.

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