Deutsche Geschichte spielte sich von 1933 bis 1945 nicht nur in Berlin ab. Wie überall im Deutschen Reich gehörten auch viele Furtwangerinnen und Furtwanger zu den Anhängern des Nationalsozialismus. Ebenso gab es vereinzelt Widerstand. Doch was genau passierte hier unter dem Regime Adolf Hitlers?
Im Geschichtsunterricht geht es meistens um größere Zusammenhänge. Dass Geschichte sich auch konkret vor Ort abspielte, findet selten Platz in der Schule. Dabei ist der direkte Bezug zur Vergangenheit „vor der eigenen Haustür“ so wichtig wie lange nicht mehr. Die Gräuel der NS-Zeit und des Zweiten Weltkrieges waren nicht weit weg, sondern es gab sie überall. Um diese Tatsache ins Bewusstsein zu rufen, hat das Deutsche Uhrenmuseum Furtwangen ein Kooperationsprojekt initiiert.
Der Ausgangspunkt

Begleitend zur Sonderausstellung „Zwangsarbeit in Furtwangen“ wurde im Uhrenmuseum 2024 ein Stadtrundgang erstellt und digital verfügbar gemacht. Da die entsprechende Software auch für weitere Projekte genutzt werden kann, gab es Überlegungen, mittels einer Schulkooperation mit dem Otto-Hahn-Gymnasium (OHG) historische Stätten in Furtwangen zu identifizieren und auf ihre Bedeutung hinzuweisen – von Schülern, für Schüler.
Im engen Austausch mit dem OHG wuchs das Konzept für das Projekt: Angelehnt an den aktuellen Lernstoff zur Geschichte des Dritten Reichs sollte der Leistungskurs Geschichte der Klassenstufe 11 die Möglichkeit bekommen, sich mit der Furtwanger Lokalgeschichte auseinanderzusetzen und seine Ergebnisse über die Software future history zu präsentieren.
Die Vorbereitung
Neben mehreren Abstimmungsrunden, um die Rahmenbedingungen zu klären, lag viel Vorbereitungsarbeit beim Uhrenmuseum. Die Schulleitung ermöglichte es, dass der Geschichtskurs einen ganzen Montag für das Projekt Zeit bekam. Seitens des Museums wurde Literatur vorbereitet und der Ablauf geplant. Glücklicherweise ist die Geschichte Furtwangens zwischen 1933 und 1948 in der zweibändigen Furtwanger Chronik bereits gut aufgearbeitet und damit als Arbeits- und Recherchematerial für die Oberstufe nutzbar.
Das Projekt hatte zum Ziel konkrete Orte zu identifizieren, die mit ihrer Bedeutung ein bestimmtes Thema der NS-Zeit repräsentieren.
Etwa drei Wochen vor dem eigentlichen Projekttag gab es eine Projektvorstellung vor dem versammelten Kurs. Dabei wurde auch die Motivation zur Teilnahme und Mitwirkung abgefragt. Erfreulicherweise gab es viel positive Resonanz und auch die Themenvorschläge wurden aufgegriffen. Dieser Moment war kritisch: Bei großem Desinteresse oder Widerstand der Schülerinnen und Schüler wäre das Projekt gescheitert. Doch zum Glück erklärten sie sich bereit, sich auf das Experiment einzulassen.
Die Durchführung

Am 4. Mai 2026 war es soweit: Robert Werner, Museumspädagoge am Deutschen Uhrenmuseum, besuchte den Leistungskurs von Geschichtslehrer Björn Müller. Schon im Vorfeld hatten sich Arbeitsgruppen gebildet, die nun gut eingespielt loslegten. Besonders eindrucksvoll: Eine Enkelin von Ludwig Zier, einem Furtwanger Kritiker des Nationalsozialismus, brachte die Aufzeichnungen ihres Großvaters als Originalquellen mit. Bei der genauen Analyse dieser Dokumente entstanden Fragen, für deren Beantwortung eigene Theorien aufgestellt wurden – historische Arbeit im besten Sinne!
Nach sechs Stunden konzentrierter Arbeit (und nur wenigen Pausen) lagen vier Textentwürfe vor. Die behandelten Themen decken die gesamte Zeit von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg in Furtwangen ab: Vom Aufstieg der NSDAP seit Ende der 1920er Jahre über Schule und Jugend in den 1930er Jahren, Zerstörungen und Gefallene während des Krieges bis zur Notlage der unmittelbaren Nachkriegszeit geben die Rechercheergebnisse der Schülerinnen und Schüler einen umfassenden Einblick.
Vom Textentwurf zum Stadtrundgang
Bei der genaueren Durchsicht der Textentwürfe zeigte sich, dass sich die behandelten Orte alle in räumlicher Nähe zueinander befanden – ein glücklicher Zufall und sehr praktisch, um einen zusammenhängenden kurzen Stadtrundgang zu kreieren.

Gasthäuser wie das „Rössle“ waren politische Versammlungsorte, an denen sich Nazi-Organisationen gründeten, bevor sie offiziell in die Amtsräume der Gemeinde einzogen.

In der Friedrichschule fanden neben der Elementarbildung von Kindern und Jugendlichen während der NS-Zeit auch Propaganda und geistige Beeinflussung statt.

Das Soldatendenkmal wurde 1937 mit großem militärischem Pomp eingeweiht und passte mit seiner martialischen Gestalt in die Zeit der Kriegsvorbereitungen.

Das Rathaus war unmittelbar nach dem Krieg Anlaufstelle sowohl für die Besatzungsmacht als auch für die örtliche Bevölkerung.
Ein Ergebnis, das bestehen bleibt
Der nun fertiggestellte Rundgang kann kostenfrei mit der future-history-App direkt vor Ort erkundet werden. Er steht dauerhaft zur Verfügung und kann von Einheimischen genauso wie von Gästen der Stadt jederzeit genutzt werden. Auch eine Verwendung für zukünftigen Schulunterricht ist denkbar.
Vielen Dank an Stadtarchivar Ludger Beckmann für die Genehmigung zur Verwendung der historischen Aufnahmen von Furtwangen!
