Wer kennt sie nicht, die prächtigen Kuckucksuhren mit den Tieren des Schwarzwalds? Naturgetreu geschnitzte Hirsche, Adler, Vögel oder Füchse gehören untrennbar dazu. Nun bekamen wir sogar eine außergewöhnliche Variante mit zwei Hasen geschenkt.
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Eine eher untypische Kuckucksuhr
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhundert gilt als die Blütezeit der Kuckucksuhr. Damals überboten sich die Hersteller mit realistisch geschnitzten Szenerien, in die fast alles hineingepackt wurde, was der Schwarzwald an Natur zu bieten hatte.
Auf dieser Neuerwerbung mit ihren imposanten 78 cm Höhe thronen zwei Hasen inmitten von Baumstümpfen. Hinter den Tieren sind mehrere Blumenrispen zu sehen, möglicherweise Knabenkraut. Das Zifferblatt ist von Efeuranken umrahmt. Rosen zieren die markanten Füße der Uhr.
Kuckucksuhr, Werk: Philipp Haas Söhne, St. Georgen, um 1880, Inv. 2026-005, Höhe: 118 cm
Häufig sind die Größenverhältnisse bei den Schnitzereien stark verzerrt. Schauen Sie einmal, wie übertrieben groß die Rosenblüten oder das Knabenkraut im Verhältnis zu den beiden Tieren ausfallen. Denn schließlich handelt es sich nicht um süße kleine Kaninchen, sondern um kapitale Feldhasen.
Was Sie vielleicht vermissen werden, sind Gewichte in Form von Nadelbaumzapfen. Antriebsgewichte gibt es bei Tischuhren mit Kuckucksruf nicht. Denn die Uhrwerke werden durch Stahlfedern angetrieben.
Wann ist die Uhr entstanden?
Tischuhren mit Kuckucksruf wie diese, die auf einem Wandbrett oder einer Kommode stehen konnten, waren nur relativ kurze Zeit gefragt. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts verschwanden sie vom Markt. Im Gegensatz dazu werden Wanduhren mit Kuckuck und „Tannenzapfengewichten“ heute noch in zahlreichen Varianten angeboten.
Einen Anhaltspunkt für das ungefähre Baujahr fanden wir in einer anderen Tischkuckucksuhr, die von der Gehäuseform vergleichbar ist (Inv. 1999-107). Deutliche Parallelen kann man in der Form der Füße sehen sowie in der verhältnismäßig schmalen Silhouette.
Die Entstehungszeit der zweiten Uhr lässt sich gut eingrenzen. Sie wurde laut Inschrift 1879 Rudolf Lange geschenkt, der für mehrere Jahrzehnte am Badischen Hoftheater in Karlsruhe wirkte und als einer der Stars seiner Zeit galt. Die Uhr mit den Hasen dürfte folglich ebenfalls um 1880 entstanden sein.
Weltausstellung Philadelphia 1876: Am Stand mit Schwarzwalduhren sind zahlreiche der damals modernen Tischkuckucksuhren zu sehen (Inv. 100617, Detail).
Wer hat die Kuckucksuhr gebaut?
Signaturen auf dem Gehäuse oder Uhrwerk? Fehlanzeige. Glücklicherweise ist der Hersteller des Uhrwerks bekannt. Im Standardwerk von Wilhelm Schneider „Beha-Uhren. Kuckucksuhren von Johann Baptist Beha und seinen wichtigsten Konkurrenten“ (Regensburg 2011) ist auf S. 347 genau solch ein Uhrwerk abgebildet. Es wurde in der bedeutenden Uhrenfabrik von Philipp Haas & Söhne in St. Georgen hergestellt.
Typisch für dieses Uhrwerk mit einer Laufdauer von 8 Tagen: Sollte einmal eine Zugfeder gebrochen sein, so können beide Federhäuser ausgebaut werden, ohne gleich das ganze Uhrwerk in Einzelteile zerlegen zu müssen. Dazu muss lediglich der Rahmen, der rückseitig auf den Federhäusern montiert ist, entfernt werden.
Wer jedoch das Gehäuse der Uhr geschnitzt hat, ist für uns nicht festzustellen. Denn traditionell fand die Herstellung der Uhrwerke und der Gehäuse in unterschiedlichen Betrieben statt. Leider sind auf keinem der erhalten gebliebenen Musterblättern Hasen zu finden. Auch in den Katalogen von Kuckucksuhrenmanufakturen aus der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg konnten wir diese seltene Gehäusevariante nicht nachweisen.
Wie kam die Uhr ins Museum?
Die Uhr wurde dem Museum von Nachfahren des Bestandteilefabrikanten Leopold Kammerer geschenkt, den wir in einem der letzten Beiträge gewürdigt haben. Einige Nachkommen waren in die Vereinigten Staaten ausgewandert, wo die Erinnerung an diesen Hersteller von Kleinteilen und Drehbänken für die Uhrenherstellung bis heute wachgehalten wird.
In der fünften und sechsten Generation droht das Andenken an den Vorfahren aus der „Alten Welt“ zu verblassen. Deshalb hat sich die Familie entschieden, den Nachlass von Leopold Kammerer ins Deutsche Uhrenmuseum zu geben.

Leopold Kammerer (Mitte) im Kreis seiner Angestellten, 1892 (Inv. 100758)
Auch die Kuckucksuhr gehörte wohl ursprünglich Leopold Kammerer. Der Familienüberlieferung nach wurde sie von ihm selbst hergestellt. Denkbar ist das schon. Denn das Uhrwerk stammt ja aus St. Georgen, wo auch Kammerer lebte und arbeitete. Es könnte also sein, dass Kammerer das Gehäuse gebaut hat. Allerdings haben wir im Nachlass keine Belege finden können, dass Leopold Kammerer in seinem Betrieb komplette Uhren oder auch nur Uhrengehäuse hergestellt hat. Erlernt hatte er jedenfalls den Beruf des Feinmechanikers in einer Werkstätte in Triberg, wie sein ein Jahr jüngerer Bruder Paulus in den Aufzeichnungen seiner Kindheit und Jugend in St. Georgen berichtet.
In den gleichen Aufzeichnungen nennt Paulus Kammerer die Berufe auch von anderen seiner 13 Geschwister. Zwei Brüder, der 1845 geborene Joseph Gabriel und der 1854 geborene Johann Georg Benjamin, arbeiteten als Bildschnitzer, der jüngere in einer Uhrenfabrik in St. Georgen. Es ist deshalb durchaus vorstellbar, dass das Gehäuse zu dieser Uhr von einem Bruder gefertigt wurde. Belege dafür gibt es aber nicht.
Gesichert hingegen ist, dass sich die Uhr später im Besitz von Kammerers jüngster Tochter Magdalena (1897-1982) befunden hat, die unverheiratet als Diakonisse im Schwarzwald lebte. Sie vererbte die Uhr ihrer in den USA lebenden Nichte Gertrud Kammerer (1910-2008). Sie war eine Enkelin von Mathias Kammerer (1846-1920), einem Bruder von Leopold Kammerer. Gertrud Kammerer wiederum gab die Uhr ihrer Enkelin Barbara Clay weiter, die die Uhr nun dem Museum geschenkt hat. So ist die eindrückliche Uhr mit den beiden Hasen wieder in den Schwarzwald zurückgekehrt. Vielen Dank für die bemerkenswerte Kuckucksuhr mit ihrer außergewöhnlich gut dokumentierten Geschichte!





