Schon vor 4000 Jahren gab es erste Windmühlen. Aber erst im späten 19. Jahrhundert nutzte der Mensch Windkraft zum Antrieb von Uhren. Neulich konnte das Museum ein rares Stück erwerben, dessen Uhrwerk über eine Luftschraube aufgezogen wird.
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Alltag mit Uhren im 19. Jahrhundert
Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein mussten Uhrenbesitzer ihren Zeitmessern regelmäßige Aufmerksamkeit widmen. Wehe dem, der vergaß, die meist noch mechanischen Uhren aufzuziehen. Denn sobald die Feder entspannt war oder die Gewichte abgelaufen, blieb das Zahnradwerk und damit auch die Zeiger stehen.
Das änderte sich bei Uhren mit Gewichtsantrieb erstmals in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Damals kamen Uhren und Uhrenanlagen auf den Markt, die mit Strom oder Druckluft automatisch aufgezogen wurden. Doch die innovativen Uhren war aufwändig und teuer, außerdem noch nicht hundertprozentig zuverlässig.
Vielleicht war ja ein anderer Weg zielführend, um das Leben mit der Uhr zu vereinfachen? Wieso nicht die ausgereifte Technologie der Windkraft nutzen, um Uhren aufzuziehen?
Uhr mit Windkraftantrieb, Auguste Dardenne, Mariembourg, um 1881, Inv. 2025-014
Windkraft und Uhren
Auf den ersten Blick verblüffend: Es gab fast keine Uhren, die mit Windenergie angetrieben werden. In dem klassischen Standardwerk zu Uhren von F. J. Britten wird nur ein einziges Patent genannt, das einen Propeller zum automatischen Aufzug der Uhrengewichte nutzte („Old Clocks and Watches and Their Makers“, 2. ed. 1904, 377): Am 5. August 1881 erhielt Auguste Dardenne das französische Patent Nr. 144356 für eine Uhr mit Windkraftaufzug.
Eine dieser extrem seltenen Uhren konnte das Deutsche Uhrenmuseum nun auf einer Auktion erwerben. Sie ist auf den ersten Blick als eine „Horloge à remontage automatique“ von Dardenne erkennbar: Auf der Glasscheibe des Regulators steht der Name des Erfinders und sein Wohnort im belgischen Mariembourg.
Auf dem Frontglas des Regulators der Name und Wohnort des Erfinders: A.(uguste) Dardenne à Marienbourg
Zur Funktion der Uhr heißt es im Patent lapidar: “Der Aufzug beruht auf der Wirkung eines Luftstroms, der einen Propeller in Bewegung setzt, der sich in einem Ventilatorgehäuse befindet.“ Als Windquelle nennt das Patent ein Kamin- oder Lüftungsrohr.
In der Praxis sah es wohl so aus, dass die Uhr in der Regel an der Außenwand eines Kamins befestigt und der Ventilator durch ein Loch in den Kamin eingeführt wurde. Die aufsteigende warme Luft aus dem Ofen setzte den Propeller in Bewegung.
Der Propeller für den Windkraftaufzug
Sobald sich die Luftschraube zu drehen begann, wurden über eine zentrale Welle, die mit dem eigentlichen Uhrwerk in Verbindung stand, das Antriebsgewicht hochgezogen. War die Uhr vollständig aufgezogen, drückte das Gewicht den Bremshebel und verhinderte somit ein weiteres Aufziehen. Sobald das Gewicht ein bisschen abgelaufen war, gab es die Bremse frei und wurde wieder aufgezogen. 
Links das eigentliche Uhrwerk samt Zifferblatt, rechts das zylindrische Gehäuse mit dem Propeller. Über die zentrale Welle zieht der Propeller das Gewicht über das rechte Kettenrad auf.
Warum war die Erfindung kein Erfolg?
Bislang ist mir keine andere Uhr nach dem Patent von Dardenne bekannt geworden. Wenn überhaupt – wurden offensichtlich nur sehr wenige Uhren mit Windkraftaufzug hergestellt. Wieso eigentlich?
Ich vermute, dass es in der praktischen Umsetzung massive Schwierigkeiten gegeben haben könnte. Denn erfahrungsgemäß sind die Luftbewegungen in einem Kamin nicht konstant genug, um über einen Propeller die Gewichte zuverlässig aufzuziehen, selbst wenn man bedenkt, dass die Uhr eine Gangreserve von einem Tag hatte. Insbesondere in den Monaten ohne Heizung und entsprechend geringem Luftumsatz wird dies sicherlich ab und an zu Fehlfunktionen geführt haben.
Abgesehen von den Unwägbarkeiten der Technik muss bedacht werden, dass es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert zur Routine gehörte, Uhren nicht nur regelmäßig aufzuziehen, sondern gleichzeitig die Zeigerstellung zu korrigieren. Denn häufig gingen mechanische Alltagsuhren schon nach einem Tag oder einer Woche deutlich vor oder nach.
Sicherlich: Bei Dardenne übernahm die Windkraft das Aufziehen der Uhren. Doch musste immer noch die Uhrzeit im Blick behalten werden. Beim Nachstellen der Zeiger hätte man dann auch gleich die Uhrwerke manuell aufziehen können. Die Zeitersparnis war folglich gering. Das bisschen weniger Aufwand fürs Aufziehen stand sicherlich in keinem vernünftigen Verhältnis zum Mehraufwand bei der Technik.
Fazit: Für mich ist klar, dass die auf den ersten Blick naheliegende Idee im Praxistest scheitern musste. Wer brauchte schon eine Uhr mit Propellerantrieb, die deutlich teurer als eine herkömmliche war und nur wenig Entlastung im Alltag versprach, zumal wenn man riskierte, sich mit der unerprobten Technik nur Ärger ins Haus zu holen?
