“Deutsch die Uhr – Deutsch der Klang!”

Mit diesen Worten bewarb Kienzle 1933 Uhren mit neuen Gongschlägen. Diese Wanduhr spielt das „Horst-Wessel-Lied“, die inoffizielle Parteihymne der Nazis. 1945 wurde die Melodie verboten. Die meisten Uhren wurden auf unverfängliche Gongschläge umgebaut. Wieso dieser Regulator seinem Schicksal entging, lesen Sie heute in unserem Blog.

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Geldverdienen mit den Nationalsozialisten

Regulator mit “deutschem Gong”, Kienzle, Schwenningen, 1934 (Inv. 2022-214)

Nach der Reichstagswahl am 30. Januar 1933 bildeten die Nationalsozialisten mit nationalkonservativen Parteien eine Regierung. Die Koalition arbeitete erfolgreich daran, die Demokratie abzuschaffen. Schnell baute Adolf Hitler sein unmenschliches Regime aus.

Die Kienzle Uhrenfabriken in Schwenningen wollten von der anfänglichen Begeisterung breiter Bevölkerungskreise für die Gegner der Weimarer Republik wirtschaftlich profitieren. Im Herbst 1933 brachte die zweitgrößte deutsche Uhrenfabrik Tisch- und Wanduhren mit faschistischen Gongschlägen auf den Markt.

Welche Melodien spielten die Uhren?

Ankündigung der Werbe-Schallplatte (Uhrmacher-Woche 1933, H. 40, S. 6)

1934 verteilte Kienzle eine Schallplatte an alle Uhrmacher. Darauf zu hören: mehrere Werbespots, die Kienzle im Radio verbreiten ließ. Kienzle empfahl Gongschläge mit Tonfolgen aus „nationalen Volksliedern“. Sie sollen den angeblich „undeutschen“ Bim-Bam-Schlag ersetzen.

Beim Halbstundenschlag konnte der Kunde zwischen einem „Potsdam-Gong“, einem „Deutschen Gong“ oder einem „V-Gong“ auswählen. Der Stundenschlag war in allen drei Varianten der gleiche, ein „musikalisch vollendeter Akkord“.

Aus einem Werbefaltblatt von Kienzle, um 1934 (Deutsches Uhrenmuseum, Archiv)

Der Potsdam-Gong imitierte die Anfangstöne des geistlichen Volksliedes von Ludwig Hölty: „Üb‘ immer Treu und Redlichkeit“. Die Melodie greift auf ein bekanntes Motiv aus Mozarts „Zauberflöte“ zurück. Entscheidend für ihre Verwendung in den Kienzle-Uhren war jedoch, dass auch das Glockenspiel der Potsdamer Garnisonskirche die gleichen Töne spielte. Denn die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Kirche galt vielen als Inbegriff des autoritären preußischen Militärstaates, einem Vorbild sowohl der Nationalkonservativen als auch der Nationalsozialisten. Beide Parteien waren Gegner der Demokratie. Ihr Ziel: die Weimarer Republik zu zerstören.

Der deutsche Gong spielte zu jeder halben Stunde den Beginn des Liedes „Die Fahne hoch“, nach ihrem Verfasser und Komponisten auch „Horst-Wessel-Lied“ genannt. Horst Wessel war in der Weimarer Republik Mitglied der Sturmabteilung (SA), der NS-Parteiarmee. Er galt für die Nationalsozialisten als Märtyrer, nachdem er am 23. Februar 1930 an Folgen einer Schussverletzung gestorben war. Bald nach seinem Tod avancierte das Lied zur Parteihymne und wurde bei vielen offiziellen Veranstaltungen gesungen.

Ebenso wie der „Deutsche Gong“ ist auch der „V-Gong“ eindeutig nationalsozialistisch, wenn er die Melodie des antisemitischen Liedes „Volk ans Gewehr“ zitiert, das 1931 von Arno Pardun komponiert und dem späteren Reichspropagandaminister Joseph Goebbels gewidmet wurde. Dieses abscheuliche Hasslied schließt mit einem Aufruf zum Judenmord: „Deutschland erwache, Juda den Tod, Volk ans Gewehr, Volk ans Gewehr.“

Werbeanzeige für die neuen Uhrengongs (Uhrmacher-Woche, 1933, H. 42, S. 5).

Die Schallplatte war nur ein Baustein in einer breit angelegten Werbekampagne. In den deutschen Fachzeitschriften wie der Süddeutschen Uhrmacher-Zeitung schaltete Kienzle im Herbst 1933 ganzseitige Anzeigen mit aktuellen Verkaufszahlen. Anfangs ging die Rechnung auf. Zum Jahreswechsel berichtete Kienzle, dass bereits in „mehr als 15000 deutschen Familien […] die deutschen Kienzle-Gongs“ erklangen.

Kein großer Erfolg

Doch bereits im nächsten Jahr stagnierten die Verkaufszahlen. Ende 1934 nahm Kienzle die nationalsozialistischen Gongschläge mit „Horst-Wessel-Lied“ und „Volk ans Gewehr“ wieder aus dem Programm. Neben der geringen Nachfrage war noch ein anderer Grund entscheidend. Die Nationalsozialisten wollten nicht, dass ihre Herrschaftszeichen zu wirtschaftlichen Zwecken missbraucht wurden. Deshalb hatte die Staatsführung bereits am 19. Mai 1933 das „Gesetz zum Schutz der nationalen Symbole“ verabschiedet. Uhren anderer Hersteller mit faschistischen Melodien waren bereits verboten worden.

Nur die Uhren mit Potsdam-Gong sprachen mit der eher unverfänglichen Mozart-Melodie erfolgreich ein breites Publikum an. Kienzle verkaufte sie noch bis 1939.

Wohin mit den faschistischen Uhren nach 1945?

Nach Kriegsende hatten Besitzer von Tischuhren mit nationalsozialistischen Gongschlägen ein Problem. Wenn die Kienzle-Uhr „Die Fahne hoch“ oder „Volk ans Gewehr“ spielte, offenbarte sie deutlich die Gesinnung ihrer Besitzer. Außerdem waren nicht nur die Texte, sondern auch das Spielen der Melodien von den Alliierten unter Strafe gestellt worden.

Die Uhren wie ein Hitler-Porträt einfach wegzuwerfen, kam nicht in Frage. Denn funktionsfähige Zeitmesser stellten in den Jahren des Mangels bis zur

Veränderungen beim Umbau von “Horst-Wessel-Lied” auf Bim-Bam-Schlag (Inv. 2009-082)

Währungsreform 1948 einen regelrechten Schatz dar. In der zweiten Hälfte der 1940er Jahre war es fast unmöglich geworden, eine solch hochwertige Uhr zu kaufen. Die meisten wurden zu horrenden Preisen unter dem Ladentisch oder auf dem Schwarzmarkt verkauft.

Bei Kienzle-Uhren, die das „Horst-Wessel-Lied“ oder „Volk ans Gewehr“ spielten, wurde das Schlagwerk verändert. Als vom Nationalsozialismus belastet, wurden diese Uhren ebenso wie ihre Besitzer „umerzogen“. Alle bislang bekannt gewordenen Kienzle-Uhren mit diesen faschistischen Gongschlägen sind auf Bim-Bam-Schlag umgerüstet.

Die bislang einzige Ausnahme

Nun wurde dem Museum eine Uhr geschenkt, die noch das nationalsozialistische Horst-Wessel-Lied spielen könnte. Wieso wurde ausgerechnet diese Uhr nicht den veränderten Verhältnissen angepasst? Die Antwort ist einfach. Sie gehörte dem überzeugten Nationalsozialisten Herbert Bock (1906-1988), der die Uhr zu seiner Hochzeit 1934 geschenkt bekommen hatte. In Neuendettelsau war er Führer der Sturmabteilung (SA) der NS-Parteiarmee. Er sympathisierte in der Bundesrepublik weiterhin mit (neo-)faschistischen Parteien.

Hochzeit in Neuendettelsau 1934. Herbert Bock erhielt die Uhr zur Vermählung.

Selbst dieser frühere SA-Führer hielt es nicht für ratsam, dass die Uhr weiterhin das „Horst-Wessel-Lied“ spielte. Aber er ließ den Halbstundengong nur stilllegen. Die Wanduhr könnte die verbotene Melodie immer noch spielen – wenn wir die noch vorhandenen Einzelteile für die Steuerung des Halbstundenschlags wieder einbauen würden.

Der Regulator zeugt davon, dass auch Dinge wie Uhren politisch nicht immer auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Beileibe nicht alle Deutschen hatten nach 1945 dem Nationalsozialismus abgeschworen. Vielmehr wollte eine Minderheit dem Faschismus eine zweite Chance geben. Dann hätte die Uhr wieder das „Horst-Wessel-Lied“ spielen dürfen. Hoffen wir, dass dies niemals geschehen wird.

 

Zum Weiterlesen:

Johannes Graf, “Deutsch die Uhr, deutsch der Klang”. Ab 1933 schlugen Uhren hörbar nationalsozialistisch, in: Deutsche Gesellschaft für Chronometrie, Jahresschrift, Bd. 49, 2010, S. 51-64 (Zu Kienzle und anderen Fabriken, die nationalsozialistische Tonfolgen bei Uhren verwendeten).

Hans Rössler: Herbert Bock (1906-1988), von der Bündischen Jugend zur HJ und SA, in: ders., Nationalsozialismus in der fränkischen Provinz. Neuendettelsau unterm Hakenkreuz, Neuendettelsau 2019, 59-65 (zur Biographie des früheren Besitzers der Uhr).

 

 

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