Das Fliegende Tourbillon

Beim Wort Tourbillon schlagen die Herzen der Taschenuhrenliebhaber schneller. Es gilt als Königsklasse der feinen Uhrmacherei. Doch was ist das Tourbillon eigentlich? Und wann kann ein Tourbillon “fliegen”?

Das schlagende Herz des Uhrwerks

Gut geschützt verbirgt sich die Unruh unter dem reich verzierten Kloben.

Herz eines Taschenuhrwerks ist die Hemmung mit der schnell schwingenden Unruh, die das Räderwerk regelmäßig auslöst und stoppt. Je nach Lage der Taschenuhr unterliegt die Unruh jedoch unterschiedlichen Störungen und kann leicht aus dem Takt geraten. So standen unzählige Uhrmachergenerationen vor der Herausforderung, genau gehende, tragbare Uhren zu fertigen.

Der Meisteruhrmacher und der Quirl

Abraham Louis Breguet (1747-1823)

Der berühmte Uhrmacher und Mechaniker Abraham Louis Breguet hatte um 1800 die Idee, die Hemmung mitsamt der schwingenden Unruh langsam um sich selbst drehen zu lassen, so dass die Lagestörungen sich ausgleichen. Seine Lösung, bis heute unter dem Namen Tourbillon (frz. Quirl) bekannt, gelang. Allerdings sind Tourbillons sehr filigran und aufwändig herzustellen, daher bergen sie erneut zahlreiche Fehlerquellen: Aufwand und Nutzen stehen kaum in einem ausgewogenen Verhältnis. Also wurden sie nie in großen Mengen produziert und waren – wenn überhaupt – in hochpreisigen Taschenuhren zu finden.

Das Tourbillon hebt ab

Alfred Helwig*, Erfinder des “Fliegenden Tourbillons”

Der Glashütter Uhrmacher Alfred Helwig entwickelte in den 1920er Jahren dann sogar ein  Tourbillon, das sich scheinbar frei schwebend über dem Werk dreht. Daher wird es als “Fliegendes” Tourbillon bezeichnet. Das Besondere beschreibt Helwig in einer Abhandlung über Drehganguhren folgendermaßen: „Als sehr schön empfindet man hierbei, daß nicht durch einen oberen Kloben etwas von der ‚Laterne‘ verdeckt wird. […] Das Aussehen eines derartigen Taschen-Tourbillons ist bestechend.“ So bestechend das Aussehen, so fehleranfällig ist doch die Konstruktion – und so kompliziert die Herstellung.

 

Ein Furtwanger Tourbillon

Zahlreiche Uhrmacher, so auch Hans Köhsl von der Uhrmacherschule Furtwangen, waren beeindruckt von Helwigs Konstruktion. Aufgrund der aufwändigen Herstellungsweise gelang es allerdings nur wenigen, selbst ein Fliegendes Tourbillon zu bauen. Hans Köhsl war erfolgreich – und zwar nicht im sächsischen Glashütte, sondern bei der Staatlichen Uhrmacherschule in Furtwangen: 1933 fertigte er das Gangmodell, das Sie hier im Video oder im August 2019 live im Museum sehen können.

 

* Portrait A. Helwig : Archiv der Stiftung „Deutsches Uhrenmuseum Glashütte – Nicolas G. Hayek“. Herzlichen Dank für die Genehmigung, es auf unserem Blog zu verwenden.

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