Strasser & Rohde. Präzision aus Glashütte

Dem Ideal einer perfekten Räderuhr kommen die Pendeluhren von Ludwig Strasser aus Glashütte in Sachsen sehr nahe. Nun bekam das Deutsche Uhrenmuseum eine der legendären Präzisionsuhren mit freier Federkrafthemmung gespendet. Wir freuen uns riesig!

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Bei der Spende handelt es sich um eine Präzisions-Sekundenpendeluhr mit typischem Regulatorzifferblatt, bei dem Stunde, Minute und Sekunde auf drei verschiedenen Bereichen des Zifferblattes angezeigt werden. Vielen Sammlern gelten sie als die Krone der mechanischen Uhrmacherkunst. Die Uhr mit der Seriennummer 711 wurde 1920 von Strasser & Rohde im sächsischen Glashütte gebaut, dem damaligen Zentrum des deutschen Präzisionsuhrenbaus.

Das Gehäuse

Schon von außen ist die Wanduhr im verglasten Gehäuse mit ihren über 140 cm Höhe höchst eindrucksvoll. Doch Uhrwerk und Pendel hängen nicht am stabilen Gehäuse. Der Kasten dient hier nur als Staubschutz. Das Innere der Uhr ist auf einem massiven rückwärtigen Werkträger montiert, der direkt in der Wand verankert ist. So war die Uhr besser vor Erschütterungen geschützt.

Das Pendel

Durch die Glasscheibe an der Vorderseite sieht man das für viele Strasser-Uhren typische Nickelstahl-Kompensationspendel mit zwei Zylindern. Die Stahllegierung ist so gewählt, dass die Länge des Pendels möglichst konstant bleibt, auch wenn sich die Raumtemperatur ändert. Das ist elementar wichtig für die Genauigkeit der Uhr. Denn die Frequenz des Pendels ist abhängig von seiner Länge.

Wenn sich beispielsweise in der kalten Jahreszeit die Länge des Pendels auch nur gering gegenüber dem Sommer verändern sollte, so hätte das einen gravierenden Einfluss auf die Genauigkeit der Uhr. Schließlich schwingt das Sekundenpendel einmal in zwei Sekunden von links nach rechts und zurück. Über Tage, Wochen oder Monate hinweg summieren sich so kleinste Abweichungen zu deutlich messbaren Zeitunterschieden.

Um die Pendellänge noch präziser einzuhalten, befindet sich zwischen den beiden Nickelstahlzylindern ein 10 cm langes Rohr aus Eisen, das zusätzlich den an sich schon sehr geringen Ausdehnungskoeffizienten des Nickelstahls kompensiert.

Das Uhrwerk

Selbstverständlich erfüllt auch das Uhrwerk höchste Ansprüche an Präzision. Alle Teile sind handwerklich perfekt gefertigt. Damit möglichst wenig Reibung den Gang der Uhr beeinflusst, ist das Ankerrad und die Ankerwelle in Saphiren gelagert.

Massiven Einfluss auf die Genauigkeit hat aber auch die spezielle Konstruktion des Uhrwerks. Wie bei den meisten anderen Präzisionspendeluhren wurde die Anzahl der Zahnräder soweit als möglich reduziert, um deren Einfluss auf den Gang zu minimieren.

Das Antriebsgewicht wird mit einer Kurbel durch das Zentrum des Stundezeiger aufgezogen. Damit die Uhr auch dann eine  Antriebskraft erhält, wenn das Gewicht hochgezogen wird, besitzt die Uhr eine Gegengesperr.

Uhrwerk, Pendel und Hemmung in eingebautem Zustand.

Schließlich ist die Hemmung der Uhr so konstruiert, dass das Pendel weitgehend frei von Einflüssen durch das Uhrwerk schwingen kann. Denn je weniger das Pendel mit dem Räderwerk in Kontakt kommt, um so geringer sind die Störungen beim Hin- und Herschwingen. Die Hemmung trägt also ganz maßgeblich zur Präzision der Uhr bei.

Bei dieser Uhr ist das Pendel mit der Pendelfeder direkt in die obere Halterung des Werkträgers eingehängt. Das Pendel erhält seine Antriebskraft über die Vorspannung der Pendelfeder, aber nicht – wie bei vielen anderen Uhrwerkshemmungen – durch den direkten Kontakt mit dem Räderwerk. Wie eine solche Hemmung funktioniert, zeigt  eine schematische Animation bei Volker Viskocyl  unter diesem Link.

Diese Federkrafthemmung mit konstanter Kraft hatte Ludwig Strasser zum ersten Mal auf der Weltausstellung in Paris 1900 gezeigt und sich anschließend als Deutsches-Reichs-Gebrauchsmuster Nr. 258167 schützen lassen. Sie zu fertigen, erfordert großes handwerkliches Können. Das hat aber nachfolgende Generationen nicht davon abgehalten, immer neue Varianten dieser legendären Uhrwerkshemmung vorzulegen.

Die Geschichte unserer Uhr

Laut dem Verkaufsbuch wurde die Uhr am 25. Januar 1920 zusammen mit andern Präzisionspendeluhren an die Niederlassung der Uhrengroßhandlung Kreis in Genf, Rue des Paquis 50, geliefert. Der Berliner Uhrengroßhändler Friedrich Wilhelm Kreis hatte die Firma nach Strassers Tod 1918 übernommen. Danach verliert sich die Spur der Uhr.

Erst 1992 tauchte die Uhr wieder auf. Der Vorbesitzer kaufte sie zusammen mit einer originalen französischen Broschüre über die Präzisionspendeluhren von Strasser & Rohde (siehe unten) in einem Schweizer Fachgeschäft für alte Uhren. Der damalige Verkäufer teilte ihm mit, dass die Uhr aus einer Fabrik für Lagersteine stamme, die inzwischen geschlossen habe. Die Witwe des früheren Inhabers sitze auf einem Haufen Schulden und sei deshalb gezwungen, sich von der Uhr zu trennen. Leider verschwieg der Verkäufer den Namen der Fabrik, so dass wir heute rätseln könnten, in welchem der vier Dutzend Schweizer Betriebe für Lagersteine die Uhr wohl gehangen hat.

Nach dem Tod des Sammlers 2025 übergab uns die Witwe des Sammlers die Uhr als äußerst großzügige Spende.

Titelblatt einer Broschüre über die Varianten der Präzisionspendeluhren von Strasser & Rohde, um 1920. Hier geht’s zur Anzeige des gesamten Büchleins, das sich im Deutschen Uhrenmuseum befindet.

Fazit

Die geniale Konstruktion der Federkrafthemmung und die erstklassige Handwerkskunst begründeten den legendären Ruf der Pendeluhren von Strasser & Rohde, die selbst unter den anderen Präzisionsuhrmachern im sächsischen Glashütte eine Ausnahmestellung einnahmen. Im besten Falle wichen solche Uhren weniger als eine Sekunde im Monat ab. Diese Uhr zeigt, zu welch erstaunlichen Leistungen mechanische Uhren fähig sind.

Deshalb wird diese Uhr auch als Highlight in der neuen Dauerausstellung zu sehen sein, die nach der Beendigung der Bauarbeiten im Deutschen Uhrenmuseum eröffnet werden wird. Ganz herzlichen Dank für diese großartige Bereicherung unsere Sammlung!

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