Bauhaus-Uhren. Und es gibt sie doch!

1929 hatte Junghans eine Reihe von Uhren nach den Prinzipien des Neuen Bauens auf den Markt gebracht. Doch wegen der Weltwirtschaftskrise wurden nur wenige dieser Uhren verkauft. Nun konnte das Deutsche Uhrenmuseum erstmals eine dieser verschollen geglaubten Uhren erwerben.

Neues Bauen und Uhren

In den 1920er Jahren hat das Bauhaus die Art, wie wir wohnen, radikal verändert. Neben den revolutionären Gebäuden hat das Bauhaus auch die Gestaltung und Funktion vieler Einrichtungsgegenstände ganz neu gedacht. Doch ausgerechnet Uhren haben die Lehrer und Schüler in Weimar und Dessau nicht entworfen.

Dennoch zeigten die Musterwohnungen und Einrichtungsempfehlungen für die Siedlungen des Neuen Bauens vorbildlich gestaltete Uhren. So hatte auch Frankfurt am Main Mitte der 1920er Jahre ein groß angelegtes soziales Wohnungsbauprogramm beschlossen, das ästhetisch neue Wege ging. Empfehlungen zur Ausstattung der modernen Räume gab eine Loseblattreihe mit dem Titel „Das Frankfurter Register“. Mit avantgardistischer Typographie wurden außer Tapeten, Lampen und Stühlen auch drei Uhren der Firma Junghans aus Schramberg vorgestellt.

Bauhaus-Uhren von Junghans

Entworfen wurden die im “Frankfurter Register” abgebildeten drei Uhren nicht von einem Mitglied des Bauhauses, sondern vom Mannheimer Gartenstadtarchitekten Hermann Esch (1879-1956). Er war Mitglied des Deutschen Werkbundes, mit seinem Streben nach einer Verbindung von Funktionalität und Ästhetik ein wichtiger Wegbereiter des Bauhauses.

Hermann Esch war als Produktgestalter der Moderne gegenüber aufgeschlossen. Aber selbst ihm fiel es schwer, die radikale Forderung des Bauhauses, industriellen Werkstoff, Funktionalität und Ästhetik zu verbinden. Dies zeigen seine Uhrenentwürfe auf je eigene Weise.

Am meisten der Konvention verpflichtet ist dabei wohl Hermann Eschs Regulator (links). Eine solche Pendeluhr in verglastem Gehäuse galt seit den 1870er Jahren als Wanduhr par excellence. Zwar hatte Esch alle Verzierungen, die diese Lieblingsuhr des Historismus auszeichneten, radikal entfernt. Auch das Zifferblatt und die Zeiger reduzierte er auf die pure Funktion. Doch atmet das Holzgehäuse in „ostindisch palisander matt“ immer noch leicht den Geist moderner ornamentaler Stilformen wie des Art Deco.

Anders die „Bürouhr“ (links), die neben der sehr sachlichen Gestaltung durch die Materialien weißes Glas für das Zifferblatt und Metall für das Gehäuse besticht. Einzig durch die Verwendung von gebürstetem Messing passt diese Uhr farblich nicht ganz zu den Stahlrohrmöbeln von Walter Gropius oder Marcel Breuer.

Die dritte der Uhren gelangte vor einigen Monaten in die Sammlung des Deutschen Uhrenmuseums (Inv. 2020-018). Dieser Uhrentyp hat in Bauhaus-Kreisen der Weimarer Republik Karriere gemacht. Die Uhr war in den Musterwohnungen der legendären Deutschen Bauausstellung in Berlin 1931 in Kombination zu den „Typenmöbeln“ von Walter Gropius zu sehen. Die klare Form, das schwarz lackierte Holzgehäuse und der verchromte Rahmen für das Uhrenglas passen perfekt zu den Stahlrohrmöbeln des Stararchitekten, die heute als Klassiker moderner Raumgestaltung gelten. Ein Exemplar dieser klassischen Tischuhr konnte das Museum vor einigen Monaten in den Vereinigten Staaten erwerben.

Berliner Bauausstellung 1931: Eschs Tischuhr auf einem “Typenmöbel” von Walter Gropius

1929 widmete das Werkbund-Organ „Die Form. Zeitschrift für gestaltetende Arbeit“ Hermann Eschs Uhren einen programmatischen Beitrag. „Die moderne Zimmeruhr“ soll sich „einheitlich der modernen Wohnung einfügen und in Größe und Gestaltung den besonderen Funktionen des einzelnen Raumes ensprechen“. Seine Entwürfe zeigen “klarste und einfachste Darstellung”. Die Schmucklosigkeit ist dabei Programm: “Lösung also in dem Sinne, daß die Uhr als solche gewissermaßen ihre Form erklärte und jede Weiterung wegfiel.”

Eine neue Generation von Uhrendesignern

Heinrich Möller für Kienzle, um 1933 (Inv. 2018-053)

Anfang der 1930er Jahre übernahm eine neue Generation von Produktdesignern die Gestaltungsbüros der führenden deutschen Uhrenfirmen. Insbesondere Heinrich Möller (1905-1983) sollte mit seinen bahnbrechenden Entwürfen für Kienzle das Uhrendesign des 20. Jahrhunderts entscheidend prägen. Um 1933 stellte er zwei Uhren vor, die in der Verwendung von Glas, Chrom und Stahlrohr konsequent den Leitlinien des Bauhauses folgen.

Heinrich Möller für Kienzle, um 1933 (Inv. K-0037)

Im Kontext des Neuen Bauens werden diese Uhren aber nicht mehr wahrgenommen. Denn das Bauhaus wurde zeitgleich durch den Aufstieg der Nationalsozialisten in seiner Arbeit behindert und schließlich aufgelöst. So bleiben die Uhren von Hermann Esch für Junghans die einzigen, die innerhalb der deutschen Bauhausbewegung der 1920er und frühen 1930er Jahre Wirkung entfalten konnten.

Erst in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre traten die Prinzipien des Bauhauses wieder verstärkt ins Interesse der Öffentlichkeit. Nun war es wiederum eine neue Generation von Designern, die zeitlos klassische Uhren geschaffen haben, allen voran Max Bill (1908-1994), Künstler und Direktor der Ulmer Hochschule für Gestaltung, der selbst am Bauhaus studiert hatte.

Alle Abbildungen: Deutsches Uhrenmuseum bzw. Deutsches Uhrenmuseum, Archiv

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