Genial einfach. Werkzeuge der Schwarzwälder Uhrmacherei

Anker für Pendeluhrwerke herzustellen, war lange Zeit aufwändig. Doch Schwarzwälder Uhrmacher bogen dieses Bauteil aus Blech in nur wenigen Sekunden. Die dazu notwendige Spezialzange konnte das Museum zusammen mit anderen Werkzeugen und Maschinen aus dem 19. Jahrhundert erwerben. Der Förderverein des Museums stellte die notwendigen Mittel zur Verfügung.

Erfolgsgeschichte des hausgewerblichen Uhrenbaus im Schwarzwalds

Um 1840 bauten viele hundert kleine Handwerksbetriebe im Schwarzwald Holzuhrwerke. Etwa 600.000 Uhren verließen damals die Region rund um Furtwangen, etwa ein Drittel der gesamten europäischen Produktion. Diese Uhren waren im In- und Ausland begehrt. Denn sie waren deutlich günstiger als alle anderen Zeitmesser.

Der billige Preis ergab sich aus einem ganzen Bündel von Neuerungen, mit denen die Arbeitszeit pro Uhrwerk stark gesenkt werden konnte. Eine entscheidende Rolle spielten Vereinfachungen bei den Handgriffen des Uhrmachers wie das Biegen des Schwarzwälder Blechankers mit einer Zange.

Zange zum Biegen von Blechankern, 2. H. 19. Jh., Inv. 2022-110

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Wem gehörte die Zange früher?

Wie die Zange stammen die anderen Werkzeuge und Maschinen aus der Werkstätte von Engelbert Schonhardt in Furtwangen. Glücklicherweise haben die Nachfahren nicht nur Werkzeuge und Maschinen aufgehoben, sondern ebenso Geschäftsbücher und persönliche Dokumente.

Holzuhrwerk, Engelbert Schonhardt, Furtwangen 1902, Inv. 10-0525

Auch ein Foto der Werkstätte ist bekannt – es zählt zu den  ganz wenigen, die überhaupt die Inneneinrichtung einer Werkstätte zeigen. Die Nachfahren haben die schriftlichen Unterlagen bereits vor etwa zehn Jahren an das Deutsche Uhrenmuseum übergeben.

Darüber hinaus besitzt das Museum seit langem einige Holzuhren mit Werken von Engelbert Schonhardt. Zusammen mit den jetzt erworbenen Werkzeugen ist Engelbert Schonhardt nun einer der am besten dokumentierten Holzuhrenmacher des Schwarzwaldes.

Wie verlief das Leben von Engelbert Schonhardt?

Das Uhrmacherhaus auf der Furtwanger Langeck

Schonhardts Eltern kamen aus Gütenbach. Sie kauften 1864 im Furtwanger Gewann Langeck ein Haus und richteten dort eine hausgewerbliche Uhrenproduktion ein. Engelbert Schonhardt (gestorben 25.06.1935) verbrachte einige Jahre im Ausland, bis er wahrscheinlich 1884 den elterlichen Betrieb übernahm. Zumindest trug er 1884 in sein Geschäftsbuch die ersten Lieferungen an seine Kunden ein.

Seine erste Frau, die er in den Vereinigten Staaten kennengelernt hatte, starb leider bald. Mit seiner zweiten Frau Sekunda, geb. Neugart (gestorben 1941), aus dem Nachbarort Gütenbach stammend, hatte er sechs Kinder. Sein Sohn Wilhelm (1896-1973) wurde wie der Vater Uhrmacher.

Uhrenwerkstätte auf der Langeck (von rechts: die Tochter Luise, das Ehepaar Sekunda und Engelbert Schonhardt sowie der Sohn Wilhelm. Die beiden Jugendlichen auf der linken Seite konnten bislang nicht namentlich identifiziert werden), Inv. 2022-113

Als Engelbert Schonhardt die väterliche Werkstätte übernahm, war die hausgewerbliche Uhrenherstellung bereits durch die Konkurrenz der Massenfabrikation in den neugegründeten Fabriken stark bedroht. Die Marktnische der weitgehend handwerklich hergestellten Holzuhren wurde immer kleiner.

Der Rückgang an Aufträgen lässt sich auch anhand Schonhardts Geschäftsbuch beobachten. Von Anfang an belieferte Schonhardt nur wenige Kunden. Zu ihnen gehörten unter anderem einige bekannte Großhändler wie Gustav Engelkemper in Münster, Otto Böckelmann in Bielefeld oder Bernhard Paschen in Hagen.

Schonhardts Geschäftsbuch, aufgeschlagen: Anfang 1894 mit Eintragungen zu  L. Furtwängler Söhne und Bernhard Paschen sowie Kunden im Elsass und der Schweiz.

Auch einige Schwarzwälder Uhrenfabriken führten in ihrem Sortiment bis Anfang des 20. Jahrhunderts noch Holzuhren. Viele Fabriken haben diese wohl nicht mehr selbst hergestellt, sondern von Lieferanten wie Schonhardt bezogen. Das Geschäftsbuch verzeichnet neben vereinzelten Einträgen zu Philipp Haas Söhne und Gordian Hettich Sohn zahlreiche zu L. Furtwängler Söhne, neben dem Händler Bernhard Paschen der eigentliche Hauptkunde von Schonhardt.

Außerdem lieferte Schonhardt ins damals deutsche Elsass (Mühlhausen, Straßburg, Hüningen) sowie in die Schweiz, namentlich nach Solothurn, Basel, St. Gallen und Chur.

Der Nachruf in den Furtwanger Nachrichten vom 25. Juni 1935 – die wichtigste Quelle für das Leben von Engelbert Schonhardt.

Im Frühjahr 1906 scheint Schonhardt die Uhrenherstellung weitgehend eingestellt zu haben. Bis 1911 finden sich nur noch ganz wenige Eintragungen. Aus dem Nachruf 1935 geht hervor, dass er in dieser Zeit als Werkmeister in der Uhrenindustrie gearbeitet haben soll.

Nach dem Ersten Weltkrieg verzeichnet das Geschäftsbuch wieder zahlreiche Aufträge. Schonhardt produzierte nun Einzelteile für Standuhren. Als die gesamte Branche im Schwarzwald 1925 in eine tiefe Absatzkrise geriet, blieben die Bestellungen fast vollständig aus. Die letzte Lieferung erfolgte 1929 – dem Jahr, in dem die Weltwirtschaftskrise begann. Sechs Jahre später ist Engelbert Schonhardt an einem Schlaganfall gestorben.

Weitere Werkzeuge und Maschinen

Neben Kleinwerkzeugen wie der Zange zum Biegen von Blechankern sind Maschinen aus der Werkstätte auf der Langeck erhalten geblieben. Die meisten dürften aus der Gründungsphase der Werkstätte um 1865 stammen.

Zahnstuhl, Johann Morat, Eisenbach, um 1865, Inv. 2022-107

Zur Herstellung von Zahnrädern verwendete Schonhardt einen „Zahnstuhl“, wie die Schwarzwälder eine Verzahnungsmaschine bezeichneten. Die runde Teilscheibe diente dazu, die Anzahl der Zähne in einem Rad festzulegen. Der Zahnstuhl auf der Langeck wurde von Johann Morat in Eisenbach hergestellt, der Keimzelle des erfolgreichen Zahnrad- und Getriebeherstellers IMS Gear in Villingen und Eisenbach.

Zahnradwälzmaschine, mit Fräsern signiert K. Hummel, Schonach, Inv. 2022-108

Nach dem Verzahnen überarbeitete Schonhardt die Schnittkanten der Zähne mithilfe einer Wälzmaschine. Teile der Wälzmaschine aus seiner Werkstätte stammen der Signatur zufolge von K. Hummel in Schonach.

Ebenfalls legendär für den Schwarzwald ist eine spezielle Bohrmaschine für Laternentriebe. Auch solche Maschinen wurden von Morat in Eisenbach gefertigt. Leider trägt das Exemplar aus Schonhardts Werkstätte keine Signatur des Herstellers.

Bohrmaschine für Laternentriebe, um 1865, Inv. 2022-117

Einzigartig ist wohl ein Aufsatz für eine Drehmaschine zur Herstellung von Schlossscheiben. Dieses spezielle Bauteil steuerte die Anzahl der Stundenschläge bei einer Schwarzwalduhr. Deshalb ist das Auftauchen dieser Vorrichtung eine weitere kleine Sensation.

Vorrichtung zum Anfertigen von Schlossscheiben, um 1865, Inv. 2022-109

Die Werkzeuge und Dokumente von und über Engelhart Schonhardt sind bereits während der Furtwanger Antik-Uhrenbörse ab dem 26. August 2022 (und dann noch bis 30. September) im Foyer des Deutschen Uhrenmuseums ausgestellt.

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