Tetris – Daddeln mit der Armbanduhr

In den späten 1980er Jahren machten tragbare Geräte wie der Nintendo Game Boy das Computerspielen mobil. Dieser Handheld verdankt seinen beispiellosen Erfolg nicht zuletzt einem Spiel, das bereits in der Basisversion enthalten war: Tetris. Bald waren unter jüngeren Schülern Armbanduhren mit dem legendären Spiel Kult.

Wie alles begann

Alexei Paschitnow, Erfinder von Tetris
Alexei Paschitnow, Erfinder von Tetris, 2008 (Vincenti Diamante, CC-2.0)

Es klingt wie ein Märchen aus einer sehr fernen Zeit: 1984 verläuft mitten durch Europa eine fast unüberwindbare Grenze. Vom Westen aus gesehen scheint die Sowjetunion unendlich weit entfernt. In der kapitalistischen Welt herrscht die Einstellung vor, der freie Westen habe die Kultur gepachtet. Im Osten sei alles ein bisschen spießig und steif. Doch ausgerechnet ein junger Informatiker der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften namens Alexei Leonidowitsch Paschitnow entwickelt damals ein kleines Computerspiel, das die Popkultur nachhaltig verändern sollte – Tetris.

Bei Tetris müssen graphische Elemente wie ein Quadrat, ein Rechteck oder ein Winkel so angeordnet werden, dass sie eine möglichst lückenlose Fläche ergeben. Jedes der Elemente besteht aus genau vier Quadraten. Deshalb heißt es Tetris – nach der griechischen Vorsilbe “tetra-” für „vier“.

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Auf dem Weg zum Welterfolg

Die Türme des Kreml, Markenzeichen von Tetris

Zunächst verbreitet sich das Computerspiel eher unauffällig unter Kollegen. Doch schon bald gelangt es in den Westen. Denn Mitte der 1980er Jahren endet die politische Eiszeit zwischen den beiden Mächten. Mit dem „Wind of Change“ öffnet sich die Sowjetunion unter Michael Gorbatschov grundlegenden Reformen, die Abrüstung und eine weltweite Entspannung möglich machen. Plötzlich ist der Kreml Kult. Die Türme der Moskauer Regierungszentrale werden zum Erkennungsbild  von Tetris.

Erste PC-Version von Tetris, 1986

Der politische Wandel vereinfacht auch die Handelsbeziehungen mit dem Westen. Aber im Falle von Tetris führen die Verhandlungen in ein Chaos. Ein halbes Jahrzehnt lang ist nicht klar, wer eigentlich die Rechte an dem Spiel erworben hat. Ungeachtet davon verbreitet sich Tetris im Westen rasant.

Gameboy und Tetris - eine Erfolgsgeschichte (Sammlung der Medien und Wissenschaft, CC BY 4.0)
Gameboy: Tetris immer dabei. (Sammlung der Medien und Wissenschaft, CC-BY 4.0)

Ende der 1980er Jahre findet bei den Computerspielen eine regelrechte Revolution statt. Das Gaming wird mobil. Die japanische Firma Nintendo bringt den legendären Gameboy auf den Markt, der sich bald zur meistverkauften Spielekonsole entwickelt. Kein Wunder: Denn neben dem günstigen Preis ist in der Standardversion auch ein „Klassiker“ enthalten: Tetris.

Heute gilt Tetris als erfolgreichstes Videospiel überhaupt. Es läuft auf über 65 Plattformen, und allein auf Handys wurden mehr als 100 Millionen Lizenzen installiert.

Armbanduhr mit Tetris – das kleinere Übel?

Mit Bissspuren des Besitzers. Die Tetris-Armbanduhr im Deutschen Uhrenmuseum (Inv. 2020-001)

An Computerspielen scheiden sich seit jeher die Geister: Die einen meinen, es sei die einzige zeitgemäße Art, dieses zutiefst menschliche Spielbedürfnis zu stillen. Die anderen behaupten, Computerspiele verblöden und machen abhängig.

Insbesondere besorgte Eltern zerbrechen sich den Kopf, ab wann und wie die hoffnungsvollen Sprößlinge an die Faszination von Computerspielen herangeführt werden. Denn endgültig verbieten ist keine Lösung. So gab es bereits im Zeitalter der Perestrojka zwei Fraktionen: Die einen kauften den Kleinen gleich eine Konsole. Die anderen wollten nicht gleich der ganzen Vielfalt von Mario & Co. Tür und Tor öffnen, sondern erst einmal den Focus auf ein einziges Spiel verengen. Sie ließen zu, dass das Lernen der Uhrzeit bei der Armbanduhr spielerisch mit Tetris – oder auch einem anderen Klassiker – verbunden war. Einen Haken hatte die Sache dann doch: Die Armbanduhr konnte man nicht so einfach wegschließen wie einen Gameboy. In Kombination mit der Armbanduhr war Tetris selbst in der Schule mit dabei.

Vertrieben wurden diese Armbanduhren in Deutschland von EM TV – die Anfang des neuen Jahrtausends Mediengeschichte schreiben sollten. EM TV entwickelte sich zu einem der maßgeblichen Vermarkter von Fernseh- und Filmrechten. Der Bankrott von EM TV leitete dann auch den Untergang des Firmenimperiums von Medienmogul Leo Kirch ein.

Die Uhr hat das Deusche Uhrenmuseum kürzlich von einem Mittdreißiger erwerben können. Wie wahrlich verbissen er als Grundschüler Anfang der 1990er Jahre gespielt hatte, davon zeugen die Zahnspuren am Armband.

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