Die “Kristalluhr”

Die sogenannte „Wiener Kristalluhr“, vermutlich von Jobst Bürgi, 1622/23. (Das Originalbild finden Sie <strong><a href="https://www.khm.at/de/objektdb/detail/87315/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">hier</a></strong>.)
Sogenannte “Wiener Kristalluhr”. Bildquelle: KHM.

Beim Wort „Kristalluhr“ spitzen Uhrenfans die Ohren. Die unter diesem Namen bekannte Tischuhr des Schweizer Uhrmachers Jobst Bürgi gilt als eines der herausragenden Werke der Uhrengeschichte. Sie heißt „Kristalluhr“, weil ihr Gehäuse weitgehend aus geschliffenem Bergkristall besteht. Doch aus Kristall kann man nicht nur das Äußere von Uhren machen. Deshalb steht heute das Innere einer Uhr im Mittelpunkt, die über 300 Jahre später kam…

Auch das im Folgenden beschriebene „Crystal Chronometer“ hat seinen Namen von einem Stück Bergkristall. Allerdings ist hier nicht das Gehäuse, sondern das Herz des Uhrwerks aus Quarz: Das „Crystal Chronometer“ von Seiko ist eine Quarzuhr.

Seiko „Crystal Chronometer QC-951“ Seiko, Japan, um 1965. (Inv. 2010-022)

Quarzuhren kennt man seit den späten 1920er Jahren. Aufgrund ihrer hervorragenden Ganggenauigkeit verdrängten sie in wenigen Jahren die bis dahin gebräuchlichen Präzisionspendeluhren. Zunächst waren die Quarzuhren jedoch schrankgroß und brauchten aufgrund ihrer Röhrenelektronik eine externe Stromversorgung. Zum Einsatz kamen Quarzuhren deshalb nur in wissenschaftlichen Einrichtungen.

Dies änderte sich mit der Erfindung des Transistors in den 1950er Jahren. Nun war es möglich kleinere, batteriebetriebene Quarzuhren zu bauen. 1960 präsentierte die Genfer Uhrenfirma Patek Philippe mit dem „Chronotome“ die weltweit erste tragbare Quarzuhr.

Doch das „Chronotome“ hatte zwei gravierende Nachteile: Die Akkus für die Stromversorgung hielten maximal zwei Wochen und die Uhr kostete ein Vermögen. Bereits der Selbstkostenpreis für Patek Philippe lag bei 8800 Franken. Zum Vergleich: Ein VW-Käfer kostete damals 6675 Franken.

Im Osten geht die Sonne auf

Zunächst unbemerkt vom Rest der Welt wurde auch in Japan an einer tragbaren Quarzuhr gearbeitet. Trotz der verheerenden Kriegsniederlage hatte sich das Land nach 1945 schnell zu einer bedeutenden Wirtschaftsmacht entwickelt. Für die Japaner waren deshalb die Olympischen Sommerspiele 1964 in Tokyo mehr als nur ein Sportanlass: Japan wollte dem Rest der Welt zeigen, wie weit man gekommen war.

Moderner Sport ist auf genaue Zeitmessung angewiesen. Für die Spiele in Tokyo wurde die Firma Seiko zum offiziellen Zeitmesser bestimmt. Seiko entwickelte dafür seit 1960 die nötigen Uhren und Vorrichtungen. Neben klassischen mechanischen Stoppuhren auch eine transportable Quarzuhr, das „Crystal Chronometer“.

Seikos „Quartz Chronometer“ im Einsatz bei den Olympischen Sommerspielen in Tokyo 1964. (Das Bild haben wir von hier.)

Technisch war das „Crystal Chronometer“ ganz ähnlich aufgebaut wie das „Chronotome“ von Patek Philippe. Der große Unterschied lag im Stromverbrauch. Seikos Ingenieure hatten einen äußerst sparsamen Synchronmotor entwickelt. Dadurch lief die Uhr mit zwei handelsüblichen Batterien ein ganzes Jahr – und dies mit einer maximalen Abweichung von 0,2 Sekunden pro Tag.

Natürlich war auch das „Crystal Chronometer“ nicht billig. Es kostete 1964 umgerechnet fast 1500 Mark, fast zwei Monatsgehälter. Das war zwar viel Geld, doch das „Crystal Chronometer“ war damit um ein Vielfaches billiger als das „Chronotome“.

Seikos erste Quarzuhr war dementsprechend auch kommerziell erfolgreich und wurde bis Ende der 1960er Jahre hergestellt. Dass es der Firma dann 1969 auch gelingen sollte, mit der „Quartz Astron“ die erste Quarzarmbanduhr auf den Markt zu bringen, hat sicher auch mit den Erfahrungen zu tun, die Seiko bei der Entwicklung des „Crystal Chronometers“ gemacht hatte.

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