“Männersache”?

Sind Uhren “Männersache”? Zumindest wird heute (Uhren-)Technik immer noch meist männlich konnotiert. Und teure Armbanduhren gelten heute meist als Statussymbol für Männer. Grund genug, einen Blick auf historische Uhrmacherinnen zu werfen.

Dieser Artikel ist ein Beitrag zur Blogparade Frauen und Erinnerungskultur #femaleheritage der Münchner Stadtbibliothek.

“Victor Hummel” war der Händler dieser Uhr. Doch blickt man auf die Rückseite…

 

Im 19. Jahrhundert war das Uhrengewerbe ein wichtiger Erwerbszweig für tausende von Menschen. Über die Biographien historischer Uhrmacher wissen wir aber nur sehr wenig.  Von Uhrmacherinnen wissen wir leider noch viel weniger. Selten genug kommt es vor, dass wir wenigstens eine entsprechende Signatur auf dem Uhrwerk finden.

…findet man die Signatur “Nothburga Eschle in Furtwangen”. Leider wissen wir nichts über ihr Leben oder ihre Tätigkeit.
Marie Ebner von Eschenbach im Alter von 70 Jahren (Photographie von Josef Székely, 1900)

Eine der wenigen, historisch greifbaren Uhrmacherinnen war die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach. Als Angehörige der Oberschicht hatte sie es aber nicht nötig, dieses Handwerk zum Lebensunterhalt auszuüben. Bei ihr ging es wohl eher um das persönliche Interesse und darum, ihre eigene Sammlung von Kleinuhren zu pflegen. So bleibt sie eine Ausnahme und verrät uns nicht viel über Uhrmacherinnen im Allgemeinen. Immerhin: Ihre Erzählung “Lotti, die Uhrmacherin” brachte ihr den Durchbruch als Autorin. Und zu ihrem 70. Geburtstag wurde sie von der Wiener Uhrmachergenossenschaft als erstes weibliches Ehrenmitglied aufgenommen.

Die Zeiten ändern sich – Vom Handwerk zur Industrie

Mehr wissen wir erst über die Arbeiterinnen in Uhrenfabriken, auch wenn das im engeren Sinne keine Uhrmacherinnen waren. Gerade das eröffnete aber neue berufliche Perspektiven.

Als Ende des 19. Jahrhunderts die Massenproduktion in der Uhrenindustrie eingeführt wurde, hatten die Fabrikanten zunehmend Interesse an billigen Arbeitskräften zur Bedienung von Maschinen, während gelernten Handwerkern und Facharbeitern ein höherer Lohn zustand. Frauen wurden schlechter bezahlt, arbeiteten aber genauso gut. Für die Unternehmer war es profitabel, Arbeiterinnen einzustellen. Im frühen 20. Jahrhundert waren in großen Uhrenfabriken wie Kienzle oder Junghans jährlich zwischen 30% und 50% der neu eingestellten Arbeiter weiblich.

Arbeiterinnen in der Uhrenfertigung bei Junghans in Schramberg, Photographie um 1930 (Bild: Archiv Deutsches Uhrenmuseum)

Die deutlich schlechtere Bezahlung nahmen viele Frauen in Kauf, denn in der Industrie lagen die Löhne meist immer noch höher als in anderen Bereichen. Vor allem jungen, ledigen Frauen bot die Fabrikarbeit zudem eine größere Freiheit und gesellschaftliche Selbständigkeit, abseits der traditionellen familiären Strukturen. Während häusliches Dienstpersonal oder Mägde in der Landwirtschaft unter einer sehr viel strengeren sozialen Kontrolle standen, entwickelten Fabrikarbeiterinnen ein eher lockeres Freizeitverhalten, zusammen mit ihren männlichen Kollegen. Sittenstrenge Zeitgenossen sahen im ausgelassenen gemeinsamen Feiern einen moralischen Verfall, aus heutiger Sicht war es ein Zeichen der gesellschaftlichen Modernisierung.

Doch auch nach einer Eheschließung und Familiengründung blieben Arbeiterfrauen häufig berufstätig, um die Familie überhaupt ernähren zu können. In vielen Fällen lieferten sie als Heimarbeiterinnen Bauteile für die Uhrenfabriken und mussten dabei mit Haushalt und Kindererziehung auch noch eine Mehrfachbelastung stemmen. Zudem entwickelte sich nach den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, als viele Männer durch den Fronteinsatz fehlten und die Arbeitsplätze von Frauen besetzt wurden, ein neues Selbstbewusstsein. Berufstätigkeit war nicht mehr nur eine Notwendigkeit, sondern auch ein Zeichen von Selbstbestimmung. Das Bild vom Mann als alleinigem Ernährer der Familie war auch in den 1920er Jahren keineswegs überall Realität.

3 Kommentare zu „“Männersache”?

  1. Wunderbar – vielen herzlichen Dank für diesen spannenden Beitrag zu #femaleheritage! Es freut uns sehr, dass Ihr bei unserer Blogparade mitmacht. Über faszinierende Frauen erfuhren wir darüber: Auch hier mit Marie von Ebner-Eschenbach und den Arbeiterfrauen, die sich aus der Notlage heraus, mehr Selbstständigkeit erarbeiteten.

    Die Blogparade entwickelt sich so phänomenal und vielseitig, so dass wir viel Denkstoff für die Besprechung haben. Aktuell gibt es 86 Beiträge und es passiert wohl noch einiges mehr bis zum 9. Dezember und vermutlich darüber hinaus, da wir viele Gastbeiträge noch auf dem Tisch liegen haben und kaum hinterher kommen. Ein Glücksfall, ja, arbeitsintensiv, ja – aber es zeigt, wie sehr #femaleheritage bewegt!

    Danke, dass Ihr es auch mitgestaltet!!!

    Schönen Sonntag,
    Tanja Praske, digitale Vermittlung, Monacensia

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