Schwarzwalduhren von der Sommerau

Schon einmal von Andreas Hakenjos gehört? Seine Werkstätte bei St. Georgen gehörte um 1870 zu den erfolgreichsten Unternehmen der Schwarzwälder Uhren-Branche. Und doch ist er heute fast unbekannt. Nun haben wir seine Geschichte recherchiert. Neugierig geworden?

Die Frage eines Sammlers auf unserem Blog

Vor einiger Zeit stellten wir in hier im Blog einige besonders hübsche Schwarzwalduhren unter der Überschrift „Alle Blumen welken. Nur die auf dem Lackschild nicht“ vor. Sie stammen aus einer Spezialsammlung von Brigitte Billing, die etwa 70 Uhren umfasst.

Unter den Uhren befanden sich zehn Stück mit rückseitigem Namensstempel: „A. Hakenjos“. Zweierlei ist daran erstaunlich: Zum einen, dass die meist anonymen Holzuhren aus dem Schwarzwald überhaupt mit einem Namensstempel versehen sind. Zum anderen, dass jede siebte Uhr der Sammlung Billing aus  genau dieser Werkstätte stammt.

Diese Häufung an Uhren mit ovalem Hakenjos-Stempel ist einem aufmerksamen Sammler aufgefallen. Er konnte neben Lackschilduhren solche mit Porzellanschild oder Bahnhäusleschild nachweisen. Zunächst vermutete er, dass A. Hakenjos ein Händler war und wandte sich mit dieser Vermutung an uns. Es erschien ungewöhnlich, dass all diese verschiedenen Uhrentypen in einer kleinen hausgewerblichen Werkstätte hergestellt worden sein sollten. War A. Hakenjos also kein Uhrmacher, sondern Uhrenhändler?

Diese Frage interessierte uns so sehr, dass wir uns auf die Suche nach Informationen zu A. Hakenjos alias Andreas Hakenjos begaben.

Wer war Andreas Hakenjos?

Andreas Hakenjos wurde am 4. November 1814 als unehelicher Sohn der Salome Hakenjos geboren. Sie war die Tochter des Uhrmachers Matthäus Hakenjos aus St. Georgen im Schwarzwald. Über Kindheit und Jugend von Andreas Hakenjos ist nichts bekannt. Am 5. Oktober 1837 heiratete er Anna Maria Maier (10.02.1816 – 15.06.1876).

Wohnhaus und Arbeitsstätte von Andreas Hakenjos, Brigach-Sommerau, erbaut 1866, Bild um 1990.

Am 20. Februar 1841 übernahm das Ehepaar auf der Gemarkung Sommerau der Nachbargemeinde Brigach einen Teil eines landwirtschaftlichen Anwesens. 1866 errichteten die Hakenjos dort ein stattliches Wohnhaus mit Uhrenfabrikationsräumen.

Zehn kleine Kinderlein… Von wegen!

Jahr für Jahr wurde die Frau schwanger. In den ersten 22 Ehejahren kamen insgesamt 18 Kinder auf die Welt. Doch nur die Hälfte der Jungen und Mädchen überlebte die Kinder- und Jugendjahre. Ein weiterer Sohn ertrank 1866 als Soldat mit 21 Jahren.

Von den restlichen acht waren vier Frauen.  Nach damaliger Auffassung sollten Frauen den Betrieb nicht übernehmen. Sie wurden verheiratet. Von den vier männlichen Nachkommen, die das Erwachsenenalter erreicht hatten, wanderten zwei in die Vereinigten Staaten aus.

So kamen von ursprünglich 18 Kindern nur zwei Söhne als mögliche Nachfolger in Frage:

  • Markus, geb. 15.11.1842, verheiratet mit Maria Steidinger
  • Ludwig, geb. 01.06.1853, verheiratet mit Anna Chr. Kratt aus Mönchweiler
Logo von Andreas Hakenjos
Logo von Markus Hakenjos, dem Sohn

Welcher Sohn wird Nachfolger?

Wie der Vater und Großvater sind offenbar beide Söhne im Uhrengewerbe tätig gewesen. So gibt es einige Uhren, in denen der typische Firmenstempel auf der Rückseite statt eines A. ein M. Hakenjos trägt. Diese Uhren wurden offensichtlich von Markus Hakenjos hergestellt.

Markus Hakenjos scheint aber nicht in die Fußstapfen des Vaters getreten zu sein. Denn amtliche Berichte über die Situation in Brigach sprachen davon, dass Ludwig Hakenjos die Werkstätte leitete, anfangs sicherlich noch unter der Aufsicht des Vaters:

1872 beschäftigte die Uhrenwerkstätte des damals 19jährigen Ludwig Hakenjos 30 Leute – eine durchaus beachtliche Zahl für die kleingewerblich organisierte Produktion im Schwarzwald. Diese Entwicklung hin zu größeren Werkstätten war im Übergang zum Fabrikzeitalter allerorten zu beobachten.

Fast alle Arten von Schwarzwalduhren

Von Andreas Hakenjos und seinem Nachfolger scheinen alle gängigen Sorten der typischen Schwarzwalduhren mit Holzplatinenwerken hergestellt worden zu sein. Die Palette reicht dabei von normalgroßen Uhrwerken mit einem oder acht Tagen Laufdauer bis hin zu den kleineren Schottenuhrwerken. Geht man – zurückhaltend geschätzt – davon aus, dass jeder Arbeiter etwa eine Uhr am Tag hergestellt hat, so kommt man auf eine Jahresproduktion von etwa 9000 Stück. Um 1870 entspricht dies immerhin einem Prozent aller im Schwarzwald hergestellten Uhren.

Die Frontseite der Uhren zierten neben den traditionellen Lackschildern auch solche aus Porzellan oder in Bahnhäusleform. Wie im Schwarzwald üblich wurden die Schilder und wohl auch viele Einzelteile für die Werke von Zulieferern bezogen.

Der Niedergang

Der große handwerkliche Uhrenbetrieb ernährte zwei Generationen lang die Familie. Aber leicht war es nicht. 1823 hatte es im kleinen Brigach noch 23 Uhrmacherwerkstätten gegeben. Im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verschwand das Hausgewerbe aus den Dörfern wie Brigach. Denn auf den Schwarzwaldhöhen gab es meist keine Möglichkeit, Werkzeuge oder Maschinen durch Wasserkraft anzutreiben. Die Uhrenproduktion konzentrierte sich in wenigen Zentralorten wie St. Georgen. Dort nahm  unter anderem die Fabrik von Philipp Haas Söhne einen steilen Aufschwung. 1888 vermerkt ein amtlicher Bericht über Brigach:

„Der Einfluß des nahen Fabrikortes St. Georgen macht sich empfindlich fühlbar; gerade die intelligentesten jungen Leute wenden sich den Fabriken zu. Die auf der Gemarkung Brigach befindliche Uhrenfabrik von Hakenjos, welche zur Zeit 15 Arbeiter beschäftigt, arbeitet ohne mechanische Kraft u. hat deshalb gegen die großen Uhrenfabriken einen schweren Stand. Haus-Uhrmacher gibt es nur noch zwei in der Gemeinde.“

Die letzten Lebensjahre

Nach dem Tod der Mutter Anna Maria Hakenjos 1876 hatte der Sohn Albert die Hälfte des Grundstücks geerbt. Als dieser 1880 in die Vereinigten Staaten auswanderte, verkaufte er sein Erbe an den Vater. Ob und wann Andreas Hakenjos diesen Anteil an einen Nachkommen weitergab, ist nicht bekannt.

Sicher ist, dass Andreas Hakenjos nach dem Tod der ersten Ehefrau noch ein zweites Mal heiratete: Am 27. März 1877 ehelichte er Ursula Weißer (geb. 17.04.1828), die Witwe des Uhrenhändlers Matthias Fleig aus dem benachbarten Stockburg. Wann sich Hakenjos ganz aus dem Geschäft zurückzog, konnten wir nicht ermitteln. Er starb am 14. Februar 1890 in Buchenberg bei Königsfeld, etwa 10 km nordöstlich der Sommerau.

Das Ende der Uhrenfabrikation

Ludwig Hakenjos verlegte ein Jahr nach dem Tod des Vaters, am 11. August 1891, die Uhrenfabrikation nach dem Heimatort seiner Frau Anna Chr. Kratt. Wie lange er in Mönchweiler noch Uhren hergestellt hat, konnten wir nicht in Erfahrung bringen.

 

Zum Weiterlesen:

Carl Heinz Ciz: Brigach. Hofchronik von Wilhelm Hakenjos und Ortsgeschichte, St. Georgen 1993.

(Die meisten Informationen und die Abbildung des Hauses wurden diesem Band entnommen. Einen herzlichen Dank an einen St. Georgener Heimatforscher, der uns die Unterlagen zugänglich gemacht hat!)

2 Kommentare zu „Schwarzwalduhren von der Sommerau

  1. Hallo und guten Tag
    verfolge mit regem Interesse die immer interessanten Beiträge im DUM Blog . Würde gerne selbst mit Bildeinstellung in Sache 8 Tage Lackschilduhr eine Frage an die Kennerschaft der Blogbegeisterten stellen und so Erkenntnisse zu Bild und Frage erhalten dürfen .
    Doch : wie gehe ich vor ? Wie funktioniert`s ?
    Herzlichen Dank

  2. Lieber Herr Helfen,
    wir freuen uns sehr über Ihre Rückmeldung!
    Die Kommentar-Funktion ist selbsterklärend, Sie haben sie bereits genutzt.
    Fotos anzuhängen ist dagegen in unserer Blog-Software leider nicht möglich.
    Am einfachsten senden Sie uns Ihre Frage inkl Fotos direkt per Email an blog@deutsches-uhrenmuseum.de – vielleicht ist das Stoff für den nächsten Beitrag!

    Ihr Uhrenmuseums-Team

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