Wie die Schwarzwälder Holzuhren bauten

Typische Schwarzwälder Uhrmacherwerkstätte des 19. Jahrhunderts

Die unscheinbaren Schwarzwälder Holzuhren des 18. Jahrhunderts stehen am Beginn eines beispiellosen Erfolgs. Doch was ermöglichte den Siegeszug der Schwarzwalduhren? Welches waren die Erfolgsrezepte der Uhrmacher? Und waren die Schwarzwälder wirklich so innovativ, wie heute noch behauptet wird?

 

Arbeitsteilung und ausgetüftelte Werkzeuge

Im Schwarzwald fertigte nicht ein Uhrmacher alle Teile der Uhr selbst – vielmehr bezog er vieles von Zulieferern. So gab es Gestell- und Kettenmacher, Gießer für Glocken und Zahnradrohlinge, Schilderdreher, welche die Zifferblätter fertigten, und Schildermaler, die sie dekorierten. Diese Handwerker entwickelten spezielle Maschinen und Werkzeuge, mit denen die Arbeit schneller von der Hand ging.

Der Schwarzwälder Blechanker war einfach herzustellen und machte die Uhr billiger.

Nach und nach wurde die Anzahl der Produktionsschritte und der Einzelteile verringert. Eine entscheidende Vereinfachung betraf den Anker, das Herz der Uhr. Anderswo wurde dieses Teil aufwändig aus einem massiven Stück Stahl herausgearbeitet. Nicht so im Schwarzwald: Hier erfand man den „Blechanker“. Mit einer speziellen Vorrichtung wurde er aus einem dünnen Stück Stahlblech gebogen.

Auch benötigte eine Schwarzwälder Holzuhr kein Gehäuse mehr. Denn das Gestell des Uhrwerks konnte mit dem Zifferblatt und zwei Seitentürchen als Gehäuse dienen.

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts brauchte ein Uhrmacher noch eine ganze Woche für die Herstellung einer einzigen Uhr. Doch die Arbeitsteilung und die Vereinfachungen in der Konstruktion führten dazu, dass um 1780 schon eine Uhr am Tag fertiggestellt werden konnte. Die eingesparte Zeit schlug sich im konkurrenzlos niedrigen Preis nieder.

Obwohl die Uhrwerke sehr ähnlich aufgebaut waren, passten Teile des einen nicht auf ein anderes. Jede Werkstatt hatte eigene Muster, und jedes Uhrwerk musste individuell nachbearbeitet werden.

Keiner zu klein, ein Meister zu sein – hausgewerbliche Uhrenfertigung

Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein entstanden die Schwarzwalduhren in vielen kleinen Werkstätten, die Teil der Wohnhäuser waren. Fast jeder Inhaber beschäftigte einige Gesellen und Lehrlinge. Um 1840 gab es im Gebiet zwischen Neustadt im Süden und St. Georgen im Norden etwa 1000 Uhrmacherhäuschen mit insgesamt etwa 5000 Beschäftigten. Jährlich entstanden etwa 600.000 Uhren aus Holz – ein Großteil der Weltproduktion.

Schwarzwälder Uhrmacher, Zeichnung von Johann Baptist Kirner, 1856 (Inv. 2005-094)

Eine geregelte Ausbildung gab es nicht. Die einzelnen Uhrmacher nahmen oft viele Lehrlinge an, die Lehrgeld bezahlten. Mit ihrer täglichen Arbeitskraft trugen sie zum wirtschaftlichen Erfolg der Werkstatt bei. Direkt nach der Lehrzeit konnten sie eine Werkstatt eröffnen und sich „Meister“ nennen. Übrigens stand der Beruf auch Frauen offen.

Verständnis für die Prinzipien der Uhrentechnik wurde bei der Ausbildung jedoch meist nicht vermittelt. Es blieb beim Erlernen von Handgriffen und Verfahren. Zudem war vielen Uhrmachern eine vernünftige betriebswirtschaftliche Kalkulation fremd. Durch Einsparungen an der falschen Stelle häuften sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts Klagen über die schlechte Qualität der Uhren. Die technologisch veralteten Holzuhren ließen sich nur zu ruinös billigen Preise absetzen. Doch aus Stolz auf ihre Selbständigkeit hielten viele Uhrmacher bis Ende des 19. Jahrhunderts an der hausgewerblichen Produktionsweise fest.

Dieser Blogartikel ist ein Beitrag zur Blogparade Innovationen?! des Zeppelin Museums Friedrichshafen. Lesen Sie doch auch einmal die übrigen Beiträge dieser Aktion – sie lohnen sich!

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